Allah yarhemuhu, Nidal R.

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Redselige Taxifahrer können ganz schön nerven. Doch nicht dieser nette Kerl: Ahmed, der türkische Taxifahrer, der uns vom Flughafen Tegel in unsere Neuköllner Hood brachte, begann mit einer persönlichen Geschichte über seinen Sohn, der nicht aufhören wollte Pakete bei Amazon, Zalando und Co. zu bestellen und so in die Schuldenfalle tappte. Über die große Weltpolitik – Putin, Trump und Merkel.

Bis hin zu einem Clan-Krieg, der am Vortag zu einem Todesfall führte: Nidal R. – der in die Geschichte einging, als jüngster Intensiv-Straftäter Deutschlands, wurde von drei Männern mit acht Schüssen hingerichtet, während er mit seiner Frau und Kindern in der Nähe des Tempelhofer Feldes spazieren war. Die Killer, so der Taxifahrer, seien noch immer flüchtig. Ich verabschiedete mich mit einem Handschlag von Ahmed.

Und begann, fasziniert von seiner Story zum Clan-Krieg zu recherchieren: Nidal R. – ein staatenloser Palästinenser – wurde 1992, mit 10 Jahren, das erste Mal aktenkundig: Er verprügelte mit anderen Jungen ein Kind, ein paar Tage später wird er beim Diebstahl eines Videospiels erwischt. Im gleichen Stil ging es dann weiter: Messerstecherei im zarten Alter von 14, Auto-Diebstahl, Crashs, Verfolungsjagd mit den Cops, Drogen etc.

Den Großteil seines Erwachsenenlebens verbrachte Nidal R. im Knast. Wenn er nicht im Gefängnis saß, dann war er auf der Straße unterwegs, in Shisa-Bars, zuletzt, so munkelt man, mit Arafat Abou-Chaker, dem gefürchteten Ex-Patron von Bushido, von dem sich der Rapper erst kürzlich trennte, um sich auf sein großbürgerliches Leben mit Anna-Maria, der Schwester von Sarah Connor, in seiner Villa in Kleinmachnow zu konzentrieren.

Die arabischen Clan-Familien, der Fall  Nidal R. – all das faszinierte mich so sehr, dass ich noch am Abend beschloss zu seiner Beerdigung zu gehen. Diese fand heute, 10:15 Uhr, am Neuen Zwölf-Apostel-Friedhof in Schöneberg statt, über 2000 Menschen kamen.  Sowie rund 150 Polizisten, Dutzende Fotografen und Kamerateams. Ich erschien überpünktlich, in schwarzer SANDRO Hose, ACNE Mantel und Docs.

Alle Männer begrüßten sich, mit Handschlag und drei Küsschen, ich stand da, allein, leicht verängstigt, man könnte mich enttarnen, als jemand, der nicht dazu gehört, doch dass sollte nicht passieren, auch später nicht, als gemeinsam am Grab gebetet wurde. Im Spalier warteten wir auf die Leiche von Nidal R. Ich stand etwas abseits der Masse, bis sich eine Gruppe von verschleierten Frauen zu mir gesellte, stand ich auf der falsche Seite?

Die Trauerkleidung der Anwesenden bestand größtenteils aus Jack Wolfskin und Stone Island Funktionsjacken, EA7 Hoodies, Baseball-Caps, Camouflage Joggingpants und Sportschuhen. Kaum Männer in Anzügen. Wie bei einer Fashion Show sind die letzten Gäste wohl auch hier die wichtigsten: Eine Gruppe von großen, sicher bärenstarken Männern mit tätowierten Stiernacken, in T-Shirts, auf deren Rückseite die “21” prangte, kam durch das Friedhofstor.

Kurz vor Ankunft des Leichnahms wurden die anwesenden Polizisten, die mindestens genau so viele gewaltige, ebenfalls penibel getrimmten Bärte, wie die Trauergäste trugen, nervös. Der Sicherheitsdienst, in kugelsicherer Weste, brüllte in die wartende Menge: “Wir müssen schon ein bisschen Platz machen, denn der Wagen muss ja hier rein”. Die Meer von Menschen öffnete sich.

Kurzer Tumult, als der Leichenwagen der Al-Schahbaa Bestattung einffährt, bis der bärtige Iman zum Mikrofon greift, um die Menge zu beruhigen: “Wir wollen nach der Sunna bestatten, also in Totenstille, ihr helft ihm, wenn ihr euch daran haltet, keine Rufe, keine Schreie”. Das Auto, auch der Pulk, setzte sich in Bewegung, die gesamte Sonnenallee, so das Gefühl, bewegte sichk einmal quer über den Zwölf-Apostel-Friedhof.

Immer wieder hektische Rufe, als der Tross, der den Sarg trägt nicht vorrankommt, rechts neben mir beschweren sich ein paar Männer im Palästineser-Trikot: “Sie sollen die Alten mal machen lassen”. Ein Alter macht dann: Er sorgt dafür, dass ein Halbstarker seine Zigarette ausmacht. Es wird gebetet. Ich frage mich, ob ich a.) mitbeten soll b.) Pose einnehmen, die aussieht, als würde ich beten c.) demonstratives nicht beten, denn ich bin ja schließlich kein Muslim, kenne mich nicht aus, daher totaler Quatsch.

Ich entschließe mich für den Kompromiss: b.). Nachdem Gebet wird Nidal R. – nach islamischen Ritus ohne Sarg, in Leinentüchern – in die Gruft hinabgelassen. Währenddessen liest der Iman Koransuren vor. Es stehen ausschließlich Männer am Grab. Alle Frauen, fast alle in schwarzen Hijabs, beobachten das Geschehen aus weiter Entfernung. Erst später, nachdem das Grab verschüttet wurde, dürfen die Frauen ans Grab.

Vorher spricht der Iman noch zu den Männern, die sich um die Gruft drängen: “Jeder muss irgendwann gehen. Seid ihr dafür bereit? Kenn ihr den Weg in die Moschee? Oder nur in die nächste Discothek”. Später mahnt er die Gemeinde zur Vernuft: “Blutrache ist kein Weg”.

Ob diese weisen Worte fruchten, werden die nächsten Wochen zeigen. Niemand, bis auf einen deutschen Mann mit Knastträne unter dem linken Auto, hat geweint, stelle ich verwundert auf dem Weg hinaus, vorbei an den Kamerateams, fest. Google klärt mich später auf: “Während der Überführung und des Tragens sowie am Todesort ist es rituell unerwünscht, klagend zu weinen oder zu schreien.” Allah yarhemuhu, Nidal R.

Category: News

Tags: Bestattung, Nidal R.

Von: David Kurt Karl Roth

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