Auf einen Negroni mit Oskar Melzer

In seinem Frankfurter Lokal “Maxie Eisen” haben wir mit dem Nachtleben-Impressario, DJ und Gastronomen Oskar Melzer eine gute handvoll Negroni getrunken. Im Gespräch erzählt er, warum er von Berlin nach Frankfurt gezogen ist und warum Christoph Schlingensief ihn angezeigt und wie Klaus Biesenbach ihn zum Kurator gemacht hat.

Dandy Diary: Warum treffen wir uns in Frankfurt? Warum bist du hier? 

Oskar: Wegen meiner Frau. Die kommt von hier. Ich habe sie in Frankfurt kennen gelernt und dann war ich plötzlich in Frankfurt. Also erstmal bin ich gependelt: Frankfurt – Berlin und dann ist mir aber aufgefallen, dass ich in Frankfurt nichts zu tun habe. Außer auf meine Frau zu warten bis sie mit der Arbeit fertig ist. Und so ist das ganze entstanden, dass ich dann gesagt habe: Okay ich muss jetzt hier was machen. 

Dandy Diary: Dabei hattest du in Berlin mehrere Läden, Bistros.

Oskar: Die habe ich komplett aufgegeben. Das war mit Kind nicht mehr machbar jede Woche hin und her zu pendeln. Dann habe ich mich mal auf eine Stadt konzentriert. 

Dandy Diary: Und: wie ist es?

Oskar: Ich liebe Frankfurt. Manchmal vermisse ich Berlin, aber eher wegen meinen Freunden und wegen meinem sozialen Umfeld. Aber ich finde das Frankfurter Bahnhofsviertel ist mehr Kreuzberg als Kreuzberg. Ich mag Frankfurt sehr gern, auch dass es so klein ist und dass man überall hinkommt. Am Ende ist es ja so wie in jeder Stadt. Auch mit 18 Millionen Einwohnern oder 21 oder 3 Einwohnern. Ab einem gewissen Alter hat man einen bestimmten Freundeskreis und eine gewisse Crew mit der hängt man ab. Dann ist eh scheißegal in welcher Stadt man ist. Und zum Arbeiten brauchst du ein iPhone, mehr nicht – dann ist so oder so scheißegal wo du bist.

Dandy Diary: Seit wann bist du fest hier? 

Oskar: Ich glaube seitdem meine Tochter auf der Welt ist. Also seit knapp zwei Jahren. 

Dandy Diary: Hier im Bahnhofsviertel sind ja die hippen Bars – wie glaubst du wird sich das Ganze insgesamt entwickeln? Ist da ein Potenzial, wo immer mehr hippes passiert, hippes hinströmt und dem Bahnhofsviertel, dem Rotlichtmilieu dabei vielleicht etwas geraubt wird? In Berlin spricht ja jeder immer sofort von der bösen Gentrifizierung.

Oskar: Ja, den Begriff haben wir hier natürlich auch. Ich glaube es ist wie in jeder Großstadt der Welt. Irgendwann mal wird das roughe hier weggehen, weil die Mieten höher werden und die Leute sich beschweren. Das roughe geht und dann werden die ersten Starbucks hier herkommen und der Charme geht verloren. Aber das ist ein Prozess, der supernormal ist und über den ich persönlich mich nicht mehr aufrege. Es war in Berlin Mitte so, es war in Kreuzberg so, es war in New York so. Es war überall so. Und ich verstehe auch nicht die Leute die sagen: Oh, mein Viertel war früher so oder so. Ja, dein Viertel war früher so und so aber das sind eben die Zeiten und Dinge verändern sich. Ich mag Veränderungen, ich finde das okay. Dadurch entsteht ja auch was neues.

Dandy Diary: Was ist besonders an Frankfurt?

Oskar: Das Besondere finde ich, dass es extrem klein ist, dass du aber gleichzeitig extrem viel internationale Leute hier hast. Du hast einmal natürlich die Banken hier, ob du es gut findest oder nicht ist egal, weil du erstmal internationales Publikum hierherbringst. Du hast die Städelschule, was eine der besten Kunstschulen der Welt ist. Techno kommt am Ende aus Frankfurt, du hast eine unglaublich tolle Musikcrowd hier. Frankfurt war schon immer besonders. Also auch als ich noch jung war und hier zu Besuch war. Das hatte immer irgendwas, ich fand den Style zwar immer schrecklich, aber jetzt mag ich es. 

Dandy Diary: Was ist die Idee, was der Style von deinem Laden, dem Maxie Eisen?

Oskar: Getränke und Essen zu verkaufen. Das ist die Grundidee. Und dann probieren wir es noch mit einem bestimmten Style und einer bestimmten Philosophie an Land zu bringen. Aber am Ende ist die Idee ganz einfach: Wir sind eine Bar, ein Restaurant und die Idee ist es, Getränke und Essen zu verkaufen.

Dandy Diary: Und das funktioniert natürlich gut? 

Oskar: Das ist ein langes Thema, weil es Gastronomie ist. Das funktioniert an einem Tag besser denn je und am anderen Tag funktioniert es so schlecht, dass du den Tag davor vergessen hast. Aber das ist Gastronomie, das kenn ich mittlerweile ganz gut.

Dandy Diary: Du hast ja auch schon irre viel gemacht, in der Richtung. 

Oskar: Ich komme ursprünglich aus München. Ich bin 1996 nach Berlin gezogen, ich glaube das erste Projekt war eine Galerie, die hieß FFWD. Die habe ich zusammen mit Joerg Koch gemacht, der heute 032C macht und mit Daniel Haaksman. Nein, das stimmt gar nicht. Ich bin nach Berlin mit einem Freund gezogen. Bobby Ro, ein Künstler und wir waren bei so einem Essen mit so Künstlern. Und ich war damals relativ jung und hatte keine Ahnung von Kunst. Und dann war da Klaus Biesenbach, der heute Kurator im Museum of Modern Art in New York ist. Und der war damals der Kurator von den Kunstwerken und ich habe Mal in den Raum geschmissen, dass ich eine Wohnung suche. Und Klaus Biesenbach hat mich gefragt, was ich denn so mache. Damals war ich DJ. Dann meinte er: Super, du bist jetzt der Musikkurator von den Kunstwerken. Dann musste ich erstmal rauskriegen, was ein Kurator ist. Das ging relativ schnell – und dann war ich der Musikkurator von den Kunstwerken und habe da dann Veranstaltungen gemacht. Dadurch ist der Pogo Club entstanden. Unter den Kunstwerken, in so einem Kellerloch. Am ersten Abend waren zwanzig Gäste da und dann am nächsten Abend 400. Dann mussten wir zumachen, weil es zu voll war. 

Dandy Diary: Wie lang gab es den Pogo Club? 

Oskar: Der hatte ungefähr ein Jahr auf. Den habe ich zusammen mit Boris Radczun gemacht, der heute das Grill Royal macht. Der ist jetzt ein Big Player, ich bin ja immer noch ein kleiner Fisch. 

Dandy Diary: Und danach hast du die Galerie gemacht? 

Oskar: Genau, danach haben wir die Galerie FFWD gemacht. Das war eher ein Ausstellungsraum, in dem wir Sachen gezeigt haben. Wir haben nicht im klassischen Sinne als Galerie gearbeitet, weil wir keine Kunst verkauft haben. Wir haben eher einen Raum gesucht in dem wir Sachen zeigen können, die wir toll finden. Wie zum Beispiel eine Fotoshow vom i-D Magazine und verschiedene Videokünstler. Wir haben mit Blaster eine Veranstaltung gemacht. Superhip damals. Das lief ungefähr zwei Jahre. Weil wir nichts verkauft haben, habe ich vom auflegen gelebt und dem Pogo Club, das war mein Einkommen.

Dandy Diary: Über den Pogo Club gibt es die schöne Anekdote, dass es dort ausschließlich Champagner in Piccolo Flaschen und mit Strohhalm zu trinken gab. Was stimmt daran? 

Oskar: Komplett alles. Und zwar lag das daran, dass wir alles nur in Flaschen hatten. Also auch Gin Tonic aus der Dose. Wir hatten nämlich kein Wasser, um Gläser zu spülen. 

Dandy Diary: Es gab also mehr Getränke als nur Champagner? 

Oskar: Ja, nur eben alles in Dosen. Es gab so Cola Rum. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir von Berlin 1996 reden. Da waren Dosen noch ziemlich weit vorne. Da gab es noch nicht viel in der Auguststraße. Unser Publikum war eine Mischung aus Kunst, Schriftstellern, Schauspielern und Freunden. Das war so die Mischung, die damals sehr interessant war und die ich toll fand. Parallel gab es auch schon Clubs, die waren weit vorne mit Techno, was nicht meine Szene war, aber was für Berlin auch toll war. 

Dandy Diary: Was war sonst so los, im Pogo Club?

Oskar: Ach, da kenne ich eine lustige Geschichte. Die erste Anzeige, die wir bekommen haben, wo die Polizei echt gekommen ist, war von Christoph Schlingensief. Der hat da gewohnt, es war ihm zu laut und er hat die Polizei gerufen. Danach hat er sich immer sehr geschämt, wenn er mich gesehen hat. Das war ihm peinlich. Aber ich mag die Geschichte. 

Dandy Diary: Warst du schon in der neuen Pogo Bar, die vor kurzem am selben Ort aufgemacht hat?  

Oskar: Nee, da wusste ich auch nichts von. Auch nicht, dass die den Namen benutzen. Irgendwie komisch. Also mich hat keiner gefragt.

Dandy Diary: Was kam bei dir nach dem Pogo Club? 

Oskar: Also bis 2000 gab es den Pogo Club. Danach mussten wir den zumachen, weil es den Nachbarn zu laut war. Dann habe ich mit einer Partyreihe angefangen, die hieß „Fun“. Die ist von Location zu Location gewandert. Kurz hatten wir auch eine feste Location in der Mohrenstraße. Das war ein ehemaliger DDR Club, ganz toller Club. Aber auch da waren wir zu laut und der Andrang zu groß. Den mussten wir dann zu machen, dann waren wir im Kino International und noch so ein paar Locations. Dadurch ist dann das Weekend erstanden, der Club am Alexanderplatz. Den habe ich mit gegründet, mit Marcus Trojan, der auch bei „Fun“ dabei war, und Philipp Götz. 

Dandy Diary: Das Weekend gibt es immernoch, du bist aber nicht mehr dabei. Wie ist das, wenn man etwas mit erschafft, das dann noch weiter existiert und man selber aber nicht mehr involviert ist?

Oskar: Ich glaube es ist in eine komplett andere Richtung gegangen als das, was ich damals vorhatte. Es ist in eine kommerzielle Richtung gegangen, was vollkommen okay ist, was aber nicht meine Welt war. Das war dann auch der Punkt wo ich gedacht habe: Vielleicht ist es jetzt auch okay mit Nachtleben und ich mache was anderes. Dann war ich da raus und habe überlegt, was ich als nächstes mache. Dann wollte ich Mal ein Deli machen. Und zwar ein Pastrami Deli. Aus dem einfachen Grund, dass ich Pastrami geliebt habe und es damals kein Pastrami Deli in Deutschland gab. Dann habe ich Boris Radczu von der Idee erzählt und der hat mir erzählt, dass die den Pauly Saal aufmachen und die dort noch einen Raum haben und ob ich da nicht mit dem Deli rein will. So ist „Mogg & Melzer“ entstanden. Und so bin ich wieder in der Gastronomie. Danach kam das Maxie Eisen in Frankfurt und das Stanley Diamond, unser Erwachsenenrestaurant. Ja, das sind so die Etappen. Dazwischen noch ein paar anderen Sachen. Und dann habe ich ja auch noch einen Film gemacht, mit Nicolette Krebitz: Jeans. 

Dandy Diary: Jeans, okay, worum gehts? 

Oskar: Eigentlich zeigt es so ein bisschen die Zeit zwischen 1999 und 2000 in Berlin Mitte. Da kommt auch der Pogo Club vor. Es spiegelt so ein bisschen die Zeit wieder. Es geht darum, dass ich eine Freundin suche, was damals auch der Fall war. 

Dandy Diary: Und hast du eine gefunden?

Oskar: Ja, bis heute habe ich ein paar Freundinnen gefunden. 

Dandy Diary: Kann man den Film noch irgendwo sehen? 

Oskar: Nee, den gibt es aus einem einfachen Grund nicht zu sehen: weil wir die Musikrechte nicht hatten. Den gab es früher im Kino, bei X-Film und dann hatten wir damals nicht die Musikrechte und konnten den nicht auf DVD rausbringen. 

Dandy Diary: Jetzt wo du vom Club in die Gastro zurück zum Essen gegangen bist – Überlegst du wieder einen Club aufzumachen. 

Oskar: Das überlege ich, ja, aber da muss echt die Location perfekt sein. Bis jetzt habe ich die noch nicht gefunden. 

Dandy Diary: Die Location ist wichtig, klar – was macht einen guten Club sonst noch aus?

Oskar: Man muss einfach reingehen, die Location sehen und dann fühlt man es. Lieber klein, lieber dreckig, lieber stickig und es muss in der perfekten Lage sein. Perfekte Lage ist natürlich das Problem wegen dem Sound. Ein Club macht nur Sinn, wenn du extrem laut sein kannst. Hier in Frankfurt hatte ich mal einen Club, „Lido“, in einem ehemaligen Strip-Laden. Der war geil, der war richtig geil. Mal wieder haben die Nachbarn nicht mitgemacht. Es war zu laut. Der war aber echt geil. Das war also echt ein Strip Laden, den wir unverändert gelassen haben. Wir haben nur eine extrem fette Anlage eingebaut. 

Dandy Diary: In den Keller vom „Maxie Eisen“ hast du, ganz neu, einen kleinen Clubraum gebaut. Es geht weiter. 

Oskar: Ja, jetzt planen wir gerade so einen kleinen Club Raum. Heute ist der Test, dann sehen wir weiter. Mal schauen, wann die Polizei kommt. Das ist immer dasselbe: Irgendwann kommen sie und ich muss wieder zumachen.

Nach unserem Gespräch mit Oskar sind wir gemeinsam, angestachelt vom Negroni, in die Frankfurter Nacht eingetaucht. Kick-Off war unsere “Negroni Night” im “Maxie Eisen”. Fotos davon gibts hier. Es war eine wilde Feier.

Neben seinen Restaurants Maxie Eisen und Stanley Diamond hat Oskar Melzer auch eine Kreativagentur:

“Jedes Mal wenn ich eine Idee habe und was plane, habe ich auf einmal einen Laden an der Backe. Kann gut sein, kann schlecht sein, ich will aber keinen neuen Laden. Ich will einfach nur neue Sachen entwickeln, ich will neue Sachen designen. Das was ich meiner Meinung nach auch am besten kann. Dann will ich das weitergeben und die anderen sollen schauen, was sie damit machen. Das war so die eine Idee.”

Alle Infos dazu gibts hier: www.oskarmelzer.com

Fotos: Kenny Sang

Category: Special

Von: Carl Jakob Haupt

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