“Babylon Berlin” und der Mythos der Berliner Nacht

Neulich Nacht, es muss gegen halb drei gewesen sein, saß ich in der Kantine des Techno-Clubs Berghain auf einer Bühne und sprach mit dem Regisseur Tom Tykwer über Hedonismus und das Nachtleben. Weil es eben schon Nacht war, weiß ich nicht mehr allzu viel davon, was wir besprochen haben, aber sicher ist auch das eine der Qualitäten der Nacht: das es okay ist, sich nicht mehr zu erinnern oder nur sehr ungenau. Das gibt einem die Freiheit nachts andere Dinge zu tun, als tagsüber. 

Nun habe ich mir die ersten vier Folgen von Toms neuer Serie „Babylon Berlin“ , die heute Abend auf Sky Premiere feiert, angeschaut – und auch darin geht es um die Nacht und um den Hedonismus. Die Nachtleben-Szenen und rauschenden Partys im legendären Nachtclub Moka Efti gehören sicher zu den aufwändigsten dieser ohnehin schon sehr aufwändigen Produktion, die, wie man allerorts lesen kann, die teuerste deutsche Serienproduktion aller Zeiten ist. 

Während einige Leute, die die Serie schon vorab gesehen haben, im Moka Efti Parallelen zum heutigen Berlin sehen, zu den wilden Feiern in Clubs wie eben jenem Berghain, nur dass früher in den Hinterzimmern Prostituierte ihre Freier an Lederhalsbändern umher geführt haben und es heute eben beides normale Gäste sind, die das in den Darkrooms machen, empfinde ich das gezeigte Nachtleben doch als sehr anders im Vergleich zu heute. „Babylon Berlin“ zeigt Revue-Shows mit Orchestern und einer flamboyanten Entertainerin auf der Bühne, während man in den holzverschlagenen Touristen-Techno-Clubs, für die alle Welt in die Hauptstadt easyjettet den oft nicht besonders auffälligen DJ in den dunkleren Ecken an der Tanzfläche erstmal suchen muss. Und während der Tanz früher ein Paartanz zu sein schien, mit eindeutig erotischer Konnotation, ist er heute ein individueller Tanz, ganz bei sich selbst und in seiner Sparsamkeit wenig erotisch.

Dass damals wie heute starke Betäubungsmittel eingesetzt werden, um mit dem Leben klarzukommen, damals Heroin als Tropfen, heute das Pferdebetäubungsmittel Ketamin als Pulver, mag eine Parallele sein, und das könnte auch mit der Härte dieser Stadt zusammenhängen, die so oft schroff ist und hässlich und deren Bewohner fertiger als anderswo.

Es ist aber doch vor allem eine sehr andere Welt, die in „Babylon Berlin“ gezeigt wird und die Serie dann am stärksten, wenn sie dieser anderen Welt auch eine andere Sprache gibt, eine Sprache, die wir hier kaum noch hören, weil sie niemand mehr spricht, den wir kennen und ganz sicher niemand im Berghain oder generell im internationalisierten, konsumfreundlich, stromlinienförmigen Nachtleben dieser Stadt: Berlinerisch.

Mehr Infos zur Serie gibt es hier.

Für eine Zeitreise in die 1920er Jahre und Berlin zu dieser Zeit heute einschalten: 20.15 Uhr auf Sky 1.

Dieser Post ist in Kooperation mit Sky entstanden.

Category: Special

Von: Carl Jakob Haupt

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