Bodyshaming: Brigitte Macron, Donald Trump und der körperliche Verfall

Emmanuel Macron ist relativ überraschend zum Präsidenten Frankreichs gewählt worden. Und weil seine politische Karriere eben noch nicht so lang ist, muss die Presse nun erstmal einiges nachholen, was man bei anderen Kandidaten über Jahre hatte aufarbeiten können. Und so kommt es, dass sich nun eben auch einige Zeitungen mit der neuen First Lady beschäftigen, mit Brigitte Macron.

Das Besondere an der Beziehung der Beiden ist, dass Brigitte Macron deutlich älter ist, als ihr Gatte, dass sie mal seine Lehrerin war und dass die Beziehung begann, als er noch bei ihr zur Schule ging.

So weit, so aussergewöhnlich.

Nun befasst sich die Presse aktuell aber auch gern mit dem reifen Alter der Prèmiere Dame, das als besonders gilt, mit 64 Jahren wohl aber eher dem Durchschnittsalter von Präsidentengatten entspricht und Emmanuels junges Alter das Bemerkenswerte ist.

Wie dem auch sei: Alter hin oder her. Das passt schon alles.

Nun stand im Tagesspiegel beziehungsweise auf dessen Homepage aber ein Artikel mit dem Hinweis im Titel, dass Brigitte Macron das “Verfallsdatum der Frauen” verlängert. Was natürlich schonmal totaler Käse ist, weil selbst wenn es ein Verfallsdatum gibt, das dann halt der Tod ist und dieses Datum wird auch Madame Macron nicht verlängern können. Auch wenn ein jüngerer Partner einen eventuell etwas länger agil halten könnte – aber selbst das ist nur Spekulation.

Jedenfalls steht dann weiter im Artikel, nach einer kurzen, schmerzhaften Aufzählung der Vorwürfe:

“Oh bitte, es reicht! Soll uns in Zukunft bei jedem Staatsbesuch, bei jedem öffentlichen Auftreten diese Liste aufgetischt werden? Soll in den nächsten fünf Jahren jede neue Falte auf dem Gesicht der First Lady Frankreichs gezählt werden? Jedes weiße Haar? Jedes zusätzliche Gramm?”

Und weiter:

“Trotz aller gender correctness müssen wir noch heute mit virulentem Sexismus leben. Frauen und Männer sind nicht gleichberechtigt.

Ganz im Gegenteil: Die Blicke sind strenger, wenn sie sich auf die Frauen richten, vor allem, wenn sie gesellschaftlich exponiert sind.”

Genau das stimmt nicht.

Und der aktuell gesellschaftlich exponierteste Mann auf der ganzen Welt kann ein Liedchen davon singen: Donald Trump.

Der Spott, das Bodyshaming und der Sexismus den der amtierende US-Präsident über sich ergehen lassen muss, sind sicher um einiges härter, als das, was Brigitte Macron über sich lesen muss (was sicher auch nicht angenehm ist).

Allein die hunderttausendfach geteilten, vermeintlichen Akzeichnungen von Trump, mit fettem Bauch und winzigem Schniedel sind brutal. Dann gibt es Figuren, die auf öffentliche Plätze gestellt werden, mit hängendem Runzelarsch, rosettenförmigem Mund, wiedermal kleinem Stummelschwanz und widerlich verzerrter Fratze. Außerdem die Pissparty-Vorwürfe aus Moskau, die unvermeidlich Bilder vom Kopf entstehen lassen.

Und weiter gehts im Tagesspiegel-Artikel:

“Denn Brigitte Macron ist eine Provokation. Von ihrem jungen Ehemann trennt sie ein Vierteljahrhundert. So etwas kommt nicht oft vor. Sie ist 64, er 39 Jahre alt. Dieses ungewöhnliche Paar pfeift auf die Konventionen. Und die Experten der Küchenpsychologie erlauben sich unerbetene Diagnosen: Er sucht eine Mama! Sie hat ihn im Griff! Sie liebt Gigolos! Sie soll sich mehr auf ihre Linie achten! Diese Ehe ist nur Fassade.”

Der Altersunterschied zwischen Melania Trump, der amerikanischen First Lady, und ihrem Mann Donald ist mit 23 Jahren ähnlich wie der der Macrons (24 Jahre). Und auch die Trumps müssen sich küchenpsychologisierende Anmassungen anhören: Melania habe nur einen Sugardaddy gesucht, Donald stehe auf deutlich jüngere Frauen, die Ehe sei nur Fassade, nur ein Geschäft. Auch die Trumps pfeifen, wenn man so will, auf die Konventionen. Zumindest auf die Konventionen der vorangegangenen amerikanischen Präsidenten, deren Ehefrauen immer nur geringfügig jünger waren, als sie selbst.

Die Tagesspiegel-Autorin schreibt:

“Dabei käme kein Mensch auf die Idee, mit dem Finger auf einen älteren und häufig schmerbäuchigen Mann zu zeigen, wenn er sich stolz mit einer sehr jungen Frau am Arm zeigt. Man muss gar nicht groß suchen: Donald Trump und Melania trennen 24 Jahre, und niemand verliert ein Wort darüber.”

Und das stimmt eben nicht. Alle zeigen mit dem Finger auf Melania und dichten ihr an, sie würde befreit werden wollen, aus den widerlichen Ekelklauen ihres “schmerbäuchigen Mannes”: Free Melania (*kicher, kicher*)

Dass eben das anmassend ist und die Selbstbestimmung der Frau untergräbt, fällt der Autorin nicht ein. Sie feiert lieber ein verschobenes Verfallsdatum der Frau, die heutzutage eben auch mit vierzig noch jung sei – und übersieht dabei die eigentliche Herausforderung einer modernen Gesellschaft: nämlich dass es allen doch bitteschön komplett egal sein sollte, ob der Partner von irgendjemandem älter ist oder jünger, fetter oder dünner, ob er einen runzligen Penis hat oder Krampfadern und dass auch ein politisches Amt nicht bedeutet, dass der oder die Amtierende sich über seinen Körper definieren lassen muss. Das wäre die eigentliche Errungenschaft, nicht eine Verschiebung des biologischen Verfalls und ein Aufrechnen von Häme gegen Männer und Häme gegen Frauen.

Category: Trends

Von: Carl Jakob Haupt

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