Brad Pitts quälendes Interview in der GQ

Der Jetlag hatte mich gegen halb sechs am Morgen sanft aus dem ansonsten angenehm tiefen Schlaf getragen und ich war ihm hier, in Los Angeles, ja ohnehin schon räumlich sehr viel näher, als ich es zum Beispiel in Berlin gewesen wäre, also laß ich gestern in der Früh das ellenlange Interview, das Brad Pitt der amerikanischen Männermodezeitschrift GQ Style gegeben hatte.

Zuerst fielen mir natürlich die Fotos auf und obwohl Augen und Geist noch etwas schläfrig waren, erkannte ich einen erstaunlich dünn gewordenen Pitt. Ohne Frage, auch die neue Schlankheit stand dem Mann, der einst in Filmen wie Troja das Doppelte gewogen haben muss, reine Muskelmasse selbstverständlich.

Er würde nicht mehr trinken, stand in dem Interview, beziehungsweise statt Alkohol nun eben vor allem Matcha-Tee, Cranberry-Saft und Sprudelwasser, weswegen er, auch das erfuhr ich, den saubersten Urinaltrakt in ganz Los Angeles habe.

Spätestens hier hätte ich aussteigen müssen, versuchen weiterzuschlafen oder durch die langsam erwachende Stadt zu laufen, um mir irgendwo auch einen Cranberry-Saft zu holen. Ich las weiter.

Es wurde nicht besser.

Der Fight Club-Gewinner erzählte von der Last der Trennung von seiner Frau Angelina Jolie, davon, dass er nun an Skulpturen arbeite und für eine kurze Zeit bei seinem Freund, dem großen Regisseur David Fincher, untergekommen sei, weil es ihm so schlecht ginge. Er habe außerdem zwei Therapeuten verschlissen, bevor er endlich den richtigen gefunden habe. Und überhaupt habe er bei einer afrikanischen Mutter, die neun Familienmitglieder verloren hat, das größte Lachen der Welt gesehen. Liebe käme nunmal nicht ohne Verlust aus.

Ich schämte mich und tue es bis jetzt ein wenig und mag mir kaum vorstellen, wie unangenehm dieses zu nahe, zu persönliche und dabei zu flache, weil schlimm klischeehafte Interview für Brad Pitts Ex-Frau Angelina Jolie zu lesen gewesen sein muss. Das war, ich konnte es mir nicht anders vorstellen, ganz sicher nicht der Mann, in den sich die frühere Sexbombe und heutige Weltretterin Jolie einst verliebt hatte (und mit dem sie übrigens vor einigen Jahren auch die syrische Diktatorenfamilie Assad besucht hatte – was viele ja immer vergessen).

Und selbst wenn sie sich den Gefallen getan und die Größe besessen hätte, den Artikel nicht zu lesen, wäre sie wohl sicher irgendwann, irgendwo und allerspätestens doch im Internet über die begleitenden Fotos gestolpert. Der Fotograf Ryan McGinley, der bekannt ist für träumerische Aufnahmen von nackten, jungen Menschen in der Natur, hatte Pitt in drei Nationalparks der USA porträtiert. Und weil die GQ ja immer noch eine Modezeitschrift war, hatte der leidend blickende, magere Schauspieler eben teure Designerklamotten an, bunte Hemden und Jacken für mehrere tausend Euro.

Es war schlicht zu viel von allem. Und wenn die große GQ-Cover-Geschichte eines bewirkt hatte, dann, dass auch ich eine Qual fühlte, auch ich litt – und so verbunden war, mit Brad, im Leid.

Category: News

Von: Carl Jakob Haupt

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