Ein Tag mit Vorzeige – Blogger Erik Scholz

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Montagmorgen, 11:00 Uhr, ich klingele bei Influencer Erik Scholz. Sein Pumuckl-Schopf blitzt am Fenster auf:  „4. Etage“, ruft er runter. Ein Bett, ein Schreibtisch und eine Küche mit schwarz-weißen Fließen. Alles überschaubar.

Man hätte sich auch in einer ganz normalen Studentenbude befinden können, wären da nicht die Klamotten, welche sich im Schrank und an den Kleiderstangen häufen – und wäre da nicht mittendrin Erik, der schwer damit beschäftigt ist, abwechselnd auf sein Handy zu schauen und Klamotten-Pakete mit Klebeband zu schnüren.

Innerhalb von einem Jahr hat Erik Scholz es zu 54,5  Tausend Follower auf seinem Instagram-Profil gebracht. Er arbeitet mit großen Brands zusammen, flaniert mit Szene-Bloggern auf dem Coachella, ist aus seinem 80-Einwohner-Dorf nach Berlin gezogen und wurde vom Grazia Magazin zum „Influencer of the Year“ gekürt.

Worauf sein Konzept basiert, frage ich ihn. „Ich glaube es gibt relativ wenige Fashion Blogger in Deutschland, die rote Haare haben und so jung sind. Ich bin 19 Jahre alt, sehe aber aus wie 16 oder 17.“ Ein schlüssiges Konzept.

Jeden Morgen – in den Semesterferien – steht er um 8 Uhr auf, geht meistens zum Sport – um bei den „Bildern auf Getty Images auf dem roten Teppich nicht ganz unvorteilhaft auszusehen“- hat Meetings, trifft sich mit befreundeten Bloggern in Mitte-Cafés und arbeitet drei, vier Stunden Emails ab.

Heute aber muss er erstmal zur Post: drei Pakete abgeben. Zwei sind für seine Follower, das Ergebnis von Gewinnspielen. Ein kleines Paket mit Make-Up im Wert von rund 200 Euro, das andere füllt er gerade mit allen möglichen Goodie-Bag Inhalten, welche er auf der Berlin Fashion Week hinterhergeworfen bekommen hat. Ein Coffee-To-Go Becher mit einem Audi Zeichen, Body Lotion, Parfüm, Schlüsselanhänger, eine Barbie.

„Ich brauche das alles nicht und jemand freut sich darüber“, erklärt er. Außerdem sind so Gewinnspiele ja auch eine gute Möglichkeit um seine Reichweite zu stärken, erklärt er mir fachmännisch. Er könne ja sowieso nicht verstehen, warum das nicht mehr Leute machen: “den Stuff einfach so random verschenken”.

Von der Post aus geht es weiter zu ‘The Store’, dem Concept-Store, welcher im unteren Geschoss des Soho House liegt. Erik beantwortet E-Mails, klärt die letzten Vorbereitungen für den September – den „Fashion Monat“, wie er ihn nennt. London, Mailand, Paris stehen an. Zwischendurch bearbeitet er ein Instagram-Bild, widmet sich wieder seinem Mail-Postfach, steht auf und filmt Giselle – den Paris-Hilton-Hund unserer Sitznachbarin, der zwischen den Stühlen hin und her läuft – für seine Insta Stories.

Eigentlich studiert Erik. Modemanagement. „An der AMD?“ schießt die Frage ohne weitere Hintergedanken aus mir heraus. Schließlich, so dachte ich, tut dies ja eben jeder Fashionblogger, oder ebene jene, die es ganz unbedingt werden wollen. Gleich werde ich eines besseren belehrt. Wie noch so oft an diesem Tag. „Nee, an der BBW – kennt keiner, ist in Charlottenburg und kostet die Hälfte.“, erklärt er und zuckt die Achseln. Doch gerade hat er Semesterferien, in denen er ein Praktikum absolvieren sollte. “Wie das denn geht? Dann noch Paris, London und Co. zu fliegen?”, will ich von ihm wissen.

Er mache ein Praktikum bei sich selbst, erklärt er mir. Das wäre mit der Uni abgeklärt. Während seine Kommilitonen sich gerade also einem 8-Stunden-Tag (+) á la ‘Teufel trägt Prada’ Manier  in der Modebranche geben, schlürft Erik seinen Cappuccino und beugt sich konzentriert über sein E-Mail Postfach. Wie seine Kommilitonen das denn fänden, frage ich mich – und ihn.

„Ein paar sind natürlich ein bisschen eifersüchtig und sagen dann so: „Ey, du arbeitest überhaupt nicht.“ Andere dann: “Okay, du hast dir den Weg ausgesucht, dir den selbst erarbeitet, dann sei es dir auch gegönnt,  dass du jetzt mehr Zeit dafür hast.“

Während andere große Influencer, schauen wir nur einmal auf Paradebeispiel Caro Daur, das Studium neben dem Blog aufgegeben haben, ist das für den 19-Jährigen Erik keine Option.

„Ganz ehrlich, diese ganze Schiene wird nicht gehen bis ich siebzig Jahre alt bin. Ich habe auch Bock irgendwann richtig in der Modebranche zu arbeiten. Nicht nur Blogger zu sein, sondern auch hinter einer Marke zu sitzen. Ich fände es ganz ‘nice’ Einkäufer bei einem großen Online-Retailer zu sein, wie mytheresa.com oder so, aber mal schauen.“

Wie er das denn schaffe, beides nebenbei?

„Am Anfang wurde es mir zu viel, weil ich mir selber Druck gemacht habe und keinen geregelten Tagesablauf hatte, aber mit der Zeit gewöhnt man sich dran. Uni, Sport, drei Stunden E-Mails, dann gehst du nach Hause, ziehst dich um und gehst auf ein Event. Wenn du diesen Tagesablauf in ein Leben reinbringst, in dem es eigentlich keinen Tagesablauf gibt, dann geht es. Aber am Anfang kam das alles so überraschend auf mich zu: Wie macht man Steuern, wie schreibt man eine Rechnung, das ganze Zeug.“

Gerade bereitet er einen Blogpost vor und zeigt mir die Bilder. Seine roten Haare leuchten vor einem grau, weißen Gebäude, er trägt eine karierte Jacke von Topman. Das steht auch in dem dazu gehörigen Text.

„Mal sehen, wie die Follower darauf reagieren.“ Bestimmt ist denen das zu artsy.“, sagt er, nicht besonders besorgt. Erstaunt schaue ich mir die Bilder an, besonders „artsy“ finde ich sie nicht.

"Mal sehen wie meine Follower darauf reagieren."

"Bestimmt ist denen das zu artsy."

Aber Erik kennt seine Follower, er weiß genau, was ankommt und was nicht. Er kennt seine Statistiken, ständig checkt er sie auf Instagram, auf einer Website überprüft er seine Zahlen.

Zwei bis drei Mal am Tag postet er ein Bild auf Instagram – und das immer zu bestimmten Uhrzeiten. Ganz früh morgens, dann nochmal gegen 16 Uhr. Er weiß genau, wann etwas funktioniert, kennt die Algorithmen. Nichts wird dem Zufall überlassen.

Immer mehr bekomme ich das Gefühl, dass sich die Rollen schon längst umgekehrt haben:

Während früher das Publikum sich entschied, welchen Blog es lesen möchte und so eine gewisse Vielfalt entstehen konnte, passt sich der Blogger heute an seine Follower an – desto breiter gefächert, desto besser.

Auch Erik sieht sich nicht in einer Nische, sondern eher so als Zwischending. Seinen Stil beschreibt er als „normal, ein bisschen alternativ für den Rest von Deutschland, aber nicht zu krass, sodass es abschrecken könnte.” Offen also, offen vor allem für sämtliche Zielgruppen. Seine Followerschaft? 50/50 – Männer, Frauen. „Dadurch ist halt auch alles für mich interessant.“

Die Next-Generation-Blogger haben aus den „Fehlern“ ihrer Vorgänger gelernt. Sie wissen jetzt, was funktioniert und was nicht.

Benutze immer den gleichen Filter, finde deine Bildsprache, poste regelmäßig, kommentiere bei anderen, bleib mit deinen Followern in Kontakt, mach Verlosungen, lautet die Devise.

Das Blog ist bei Erik Nebensache. Bei ihm laufe der Hauptteil auf Instagram ab, aber ganz ohne gehe es eben auch nicht. Denn nur „Influencer“ möchte schließlich auch niemand so wirklich genannt werden. Wie er die negative Konnotation sehe, die mit dem Begriff einhergeht?

„Influencer ist halt in der letzten Zeit so ein Nutzwort für alles geworden, also wirklich für musical.ly-Leute, You Tube, Snapchat, Instagram, für alles einfach. Deswegen finde ich es schade, wenn man nur Influencer genannt wird. Es ist wie so ein Oberbegriff. Es wird nicht mehr auf die Einzelheiten eingegangen. Welcher Content, welches Medium? Ich glaube es ist ein schwieriger und kein schöner Begriff.“

Ist diese ganze Influencer-Schiene denn wirklich so eine “Fake World”, wie sie von außen gesehen wird? “Dass einige Momente und die Bilder gestellt sind, ist ganz klar. Das ist ja auch im TV und bei anderen Medien nicht anders. Man muss schauen, wie man damit umgeht.“

Immer wieder betont Erik, dass er sich das alles selbst erarbeitet hat. Mittlerweile sitzen wir im DUDU, einem „Szene-Lokal“ –  in Mitte natürlich. „Das kennt du wirklich nicht? Hier geht auch Jogi Löw hin.“ Nein, das kannte ich wirklich nicht.

Ständig ploppt das E-Mail Zeichen auf seinem iPhone 6s auf, das er gebraucht beim “Türken” gekauft hat, inklusive einem kleinen Kratzer auf dem Display. Er scheint nichts anderes mehr wahrzunehmen. Erik ist in seiner Welt. Er tippt E-Mails, ruft eine Freundin an und fragt, ob sie nächste Woche Zeit zum shooten hat. „Aber zu 1000%? Okay, perfekt.“, legt auf und schreibt wieder eine Mail.“ Dann grinst er mich an. „Ich muss das jetzt echt Mal weglegen.“ Doch dazu kommt es nicht. Eine Mail von einem großen Kooperationspartner. Aufgeregt schaut er auf das Display. „Zusage!“, freut er sich einen kurzen Moment. „Lies Mal mit, damit ich nichts übersehe“, weist er mich an. Aber alles safe. Die Unterkünfte während der kommenden Modewoche in Paris, Mailand, London. Safe.

Erik freut sich, seine spürbare Anspannung ist für einen kurzen Moment gewichen, schon ruft er wieder eine Freundin an, die ebenfalls bloggt und mit der es bald auf Fashion-Week-Tournee geht. Sie müssten sich morgen früh, bevor er nach Hause zu seinen Eltern ins Dorf fahre, unbedingt noch zu einem Meeting treffen und alles buchen. Nachdem wir bestellt haben – er Sushi, ich Curry, – scrollt er durch die möglichen Unterkünfte. Filter: Appartements, mindestens vier Sterne – und überprüft sie nach Fototauglichkeit. Er scheint zufrieden.

Während des Essens ist er abwesend, mit den Gedanken noch bei seiner To-Do-List, die er im Kopf nie so ganz abzulegen scheint. Auf dem Rückweg geht er sie nochmal durch, erzählt mir, dass er morgen noch ein Meeting im Restaurant Grosz am Kuhdamm hat, bevor er zu seinen Eltern fährt und nachher noch zum Sport geht.

„Na ja, ich habe heute schon genug geschafft.“ sagt er und spricht eher zu sich selbst, als zu mir, gerade so, als hätte er gerade einen inneren Kampf ausgetragen, ob die Arbeit, die er heute vor seinem MacBook erledigt hatte, denn auch wirklich gereicht hat.

„Manchmal hätte ich gerne mehr Zeit für meine Freunde, für Berlin, für dieses Studentenleben, das habe ich halt überhaupt nicht“ erklärt er etwas wehmütig. „Das ist schade. Also ich hätte gerne so ein richtiges Studentenleben. Manchmal. Einfach mal für ein paar Tage so mega lange im Bett liegen, richtig feiern gehen bis sonst wann morgens, sich keinen Kopf machen, auf alles so ein bisschen scheißen. Aber das geht ja nicht“, korrigiert er sich schnell. „Das ist ja absolut nicht möglich. Aber manchmal wünsche ich mir das schon.“

Er parkt sein Auto – das er von seinen Eltern zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, damit er öfter nachhause kommt – in einer Seitenstraße von Moabit, wenige Straßen entfernt von seiner ersten eigenen Wohnung, die er in Berlin bezogen hat. “2018 bin ich hier aber weg, ich will nach Mitte.“, tönt Erik und entspricht in dem Moment so sehr meinem Blogger-Klischee, dass ich grinsen muss.

Aber da spielt sich nun mal eben auch das Leben des 19-Jährigen ab, Hauptknotenpunkt: Rosenthaler Platz. Arbeit im Soho House, E-Mails im Daluma, Events auf der Torstraße, Ingwer-Shots bei „Superfoods & Organic Liquids“ Warum also auch nicht nach Mitte?

Wir verabschieden uns, ich wünsche ihm viel Spaß zu Hause, er bedankt sich, doch er scheint gedanklich schon längst woanders zu sein. Wahrscheinlich bei seiner nicht enden wollenden To-Do-List.

St Oberholz

Soho House Berlin

Category: Special

Tags: Blogger, Erik Scholz, Influencer

Von: Angelika Watta

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