#flawed: In Vitium Veritas

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Blasse, offensichtlich sehr müde (oder dichte) Kids mit zerzausten, ungewaschenen Haaren und Augenringe bis zu den Knien, übersät mit blauen Flecken dominieren aktuell meinen Instagramfeed.

Die „COOL YOUTH“ – der Gegenentwurf zu der auf Perfektion getrimmten von A-Influencern propagierten Ästhetik: Handy im optimalen Winkel halten, viel Make-Up und viel Facefilter, um jegliche Makel zu eliminieren.

Die Masse strebt noch immer – gar keine Frage – nach makelloser Schönheit, bzw. gibt man sich viel Mühe, um diese online zu inszenieren, doch die Cool Kids ziehen weiter. Sie präsentieren sich im verschwitzen, lädierten Zustand in ihrer Sehnsucht nach Imperfektion, weil diese für Glaubwürdigkeit steht.

Auch in der Musik sind ähnliche Tendenzen zu beobachten: Abgesehen von der Optik Lean trinkendender Künstler wie Lil Peep (RIP) und Co. – die sicherlich als ästhetische Vorbilder für die Youth fungieren, gibt es auch beim Sound eine Bewegung hin zur Imperfektion.

Paradebeispiel dafür ist die Hymne „Look at me“ von XXXTentacion, die der verstorbene Musiker zu Hause mit Audacity, einem kostenlosen, vergleichsweise einfachen Programm produziert hat. So kam es zu einem Sound, den die Musik-Fachpresse als „distorted“ beschrieben hat.

Echt, roh und ziemlich weit weg vom perfekt abgemischten Tracks. Im Vergleich zu früheren Popstars, man denke nur an die Boygroup-Ära der 90er, zeigen sich die aktuellen Heroen Lil Pump, 6ix9ine, Yung Lean ungefiltert, bisweilen unschön, nahbar.

Der Fan, immer auch User, ist via Insta Stories „live“ dabei, wenn sein Idol XANs schmeißt. Oder am Tag danach im Bett, depressiv, verkatert mit suizidaler Miene seinen Follower erklärt, wie schlimm das Dasein ist. Auch die Inhalte der meist gerappten Texte haben sich wieder mehr in Richtung roher Emotion entwickelt.

Auf die realen, hippen, thrashigen Teens von Instagram hat es die Midland Agency abgesehen – eine Modelagentur, die sich sehr zeitgemäß, auf die imperfekten, coolen Kids spezialisiert hat, welche dann vornehmlich an Brands für Kampagnen und Fashion Shows vermittelt werden, die auf die Anti-Ästhetik setzen.

Die Midland Models reichen von hageren Teenies bis zu Senioren mit bunt gefärbten Haaren – allesamt unkonventionell und alles andere als langweilig. Walter Pearce, der Macher der Midland Agency, selbst zum Cool Kid No.1 avanciert, ist selbst ein großer Verfechter der Anti-Ästhetik (hier zu sehen).

Dass es Raum für eine Gegenbewegung zur makellosen Schönheit gibt, haben auch große Brands wie Dove, GAP und Esprit erkannt. Sie produzieren Kampagnen mit vermeintlichen, #imperfekten Models. Der Ansatz gut und richtig, doch das Resultat noch immer so Fake, wie der Busen Micaela Schäfer.

Mit den Cool Kids, die gerade dabei sind mit ihrer Selbstdarstellung Schönheitsideale zu hinterfragen und neu zu definieren hatten die Kampagnen von Esprit und Co. herzlich wenig zu tun. Es ist das erste Mal seit Grunge, dass derart massiv eine Anti-Ästhetik gefeiert wird. Vergleicht man die Instaposts von heute mit der Fotoserie „The Kids Were Alright“ von Ryan McGinley, werden Parallelen zu Kurt Cobain und die Jugendszene in Lower East Side New York während der Jahrtausendwende auffällig.

Ryan McGinley: The Kids Were Alright 98'-03

Ryan McGinley: The Kids Were Alright 98'-03

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Category: News

Tags: Ästhetik, Imperfektion, Jugend

Von: Thao Le Minh

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