KW-2 2017: WAS GEWESEN IST

Foto: Sebastian Berthold

Heute ist der 15. Januar und es ist Sonntag, ich kann also guten Gewissens und pünktlicher als erwartet behaupten: die zweite Woche dieses Jahres ist vergangen und darf eines kurzen Rückblicks unterzogen werden.

Es ist außerdem kurz nach drei, ich trinke meinen dritten Kaffee, nachdem ich einen ja schon quasi vor dem Aufwachen – mein ganzer Dank gilt hier Giannina – gereicht bekam, und den anderen eben im Café Bravo mit meinen Freunden David und Philip genommen habe. Wobei genommen hier wohl falsch ist, der Kaffee hat vielmehr mich genommen, schließlich bin ich noch ziemlich angeschlagen von Philips großer Geburtstagsfeier, zu der er sehr modern unter dem Hashtag #Philip33 ins Atelier des Aufbau-Hauses am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg geladen hatte. Das war am Freitag und sehr schön, weil wir vorher mit den engsten Freunden im unter dem Atelier liegenden Restaurant Parker Bowles gegessen hatten, das Sellerie-Schnitzel wirklich erstaunlich lecker war, Peter Kaaden sich schon dort kelchweise dem Grauburgunder hingab und alle einfach gut drauf waren. Dass der Abend dann mit zunehmender Stunde etwas ausfranste, Niels Ruf nur noch englisch sprach, Ruben versuchte in einer Scheibe seine eigene Spiegelung zu küssen und keiner mehr so genau wusste, mit wem er eigentlich eben noch gesprochen hatte, weil sich alle 333 Gäste so viel zu erzählen hatten, war so natürlich absehbar und wohl auch geplant. Dass David und Cheyenne mit ihren pinkfarbenen Schmetterlingsflügeln irgendwann einfach von dannen flogen, scheint auch so gewesen und durchaus beabsichtigt gewesen zu sein. Insgesamt war es also ein gelungener Geburtstag, der mich den gestrigen Tag vollends auf meinem gigantischen Sofa verbringen und die zweite Staffel der Amazon-Serie “The Americans”, ein wahrer Grower über ein russisches Agentenpärchen im Washington der 1980er Jahre, gucken ließ.

Was war vorher gewesen? Gab es überhaupt ein Davor?

Aber ja, natürlich.

Am Montag, quasi dem Beginn meiner KW 2, habe ich im Kino International die Europa-Premiere von “Lala Land” gesehen, dem Musicalfilm mit Ryan Gosling, der wohl deshalb auch im Rahmen der “MonGay”-Reihe noch vor offiziellem Kinostart gezeigt wurde. Obwohl der Film massiv Tanz und Gesang featured und beides mit zum Schlimmsten gehört, was man meiner Meinung nach in einem Kino sehen kann, ist es schon jetzt mindestens der Film des Jahres. Laut IMDB-Bewertung sei “Lala Land” außerdem, sagte mir mein Filmemacher-Freund Ruben, der rechts von mir in der zweiten Reihe saß und wesentlich besser trainierte Nackenmuskeln, also im Anschluss auch keinen Schmerz, hatte, mit einem Schlag unter den zehn besten Filmen aller Zeiten. Ich möchte es gern glauben und überlege sogar, mir den Film nochmal anzuschauen. Dann vielleicht aus einer weiter hinten liegenden Reihe. Und vielleicht auch in einem anderen Kino, denn obwohl das Kino International als das offizielle Premierenkino der DDR bekannt und dementsprechend wunderschön ist, gibt es dort kein Popcorn, was ich kurzzeitig als letztes Aufbäumen der Kinomacher gegen den Kulturimperialismus des Westens verstanden habe und ablehne. Lasst sie doch Popcorn essen, beim Hollywoodfilmgucken. Das ist doch in Ordnung – und außerdem nicht so laut wie Chips.

Im Hintergrund läuft grad übrigens das neue Album von “The XX”, das man in dieser KW 2 eben hören muss. Ich kann dazu noch kein abschließendes Urteil abgeben, dafür läuft es erst zu kurz, aber es scheint mal wieder einfach sehr gut zu sein.

Den Dienstag haben David und ich vor allem damit verbracht, unsere große Fashion Week Opening Party, die ja schon am kommenden Montag, den 16. Januar, stattfinden wird, zu finalisieren. Mitsamt unserer Crew, die aus einem Tontechniker, einem Pyrotechniker, unserem Sicherheitschef Smiley und zwei Nachtlebenprofis besteht, haben wir uns die Location “Last Cathedral” genauestens angeschaut und grob festgelegt, was so passiert, wo man die Jacke abgeben kann, ob es bei einem Brand zum Chaos kommen wird und wo die Schafsköpfe hängen werden. Außerdem spielt ja auch noch eine Band. Aber das stand zu dem Zeitpunkt noch in sehr entfernten Sternen. Bei uns ist ja immer alles extrem knapp, was unsere Partner, allen voran unseren lieben Freunde und langjährigen Wegbegleiter von Heineken früher zumindest in den Wahnsinn trieb. Mittlerweile scheinen sie sich dran gewöhnt zu haben, an unsere nach außen hin chaotisch anmutende Planung von kulturellen Großereignissen, wie einer Eröffnungsgala für die siechende Fashion Week in Berlin.

Was ich am Mittwoch gemacht habe, ist mir grad sehr schleierhaft. Wahrscheinlich Getränke bestellt und Einlassbändchen und grob überschlagen, wieviel Eis wir denn nun brauchen, für all die durstigen Gäste auf unserem “Death Fest”, wie ich es von Mittwoch an, das fällt mir dann doch grad wieder ein, genannt habe und weiterhin nennen werde.

Donnerstagmittag habe ich eine Art Auberginenauflauf im “Sale e Tabacchi” in der Rudi-Dutschke-Straße gegessen und mich dort mit meinem Freundchen Timo Feldhaus getroffen, der mir schon wieder Geheimnisse über die bald eröffnende Bar in den Kunstwerken erzählt hat, die ich hier auf gar keinen Fall weitererzählen darf, weil er sonst wieder Ärger bekommt, von seiner Freundin, die dort Jungkuratorin oder ähnliches ist. Also behalte ich das für mich. Dann haben wir uns noch über Gott und das Leben unterhalten und über den Titel seines hoffentlich bald erscheinenden Buches, der genial sein wird; aber auch den darf und will ich nicht verraten: so gut ist er! Genauso wie der Auberginenauflauf, übrigens. Davon, immerhin, kann ich ohne Geheimniskrämerei berichten.

Abends, auf der Buchvorstellung von Magnus Reschs und Thomas Girsts Bändchen “100 Secrets of the Art World” im Soho-House, habe ich Timo dann nicht mehr gesehen, obwohl er doch da war, wie er mir später versicherte. Vielleicht war ich aber auch einfach zu beschäftigt damit, Magnus schöner Parabel vom Buch-Launch in München zu folgen, bei der sie ein paar hundert Bücher verkauft hätten, wohingegen in Berlin genau drei verkauft wurden. Solche Geschichten erzählt man sich ja immer mal wieder, um dann das alte Arm-aber-Sexy-Credo der Hauptstadt geil zu finden.

Zeitgleich zur Buchvorstellung präsentierte der dänischstämmige Designer Sigurd Larsen ungefähr auf Mitte der Torstraße seine Entwürfe für das Möbelhaus Formel A, unter anderem ein toll schlichtes Sofa mit Samtbezug, das, wenn ich Sigurd da glauben kann, sogar recht erschwinglich sein und kaum mehr als tausend Euro kosten wird. Hätte ich nicht schon mein monströses Riesensofa, würde ich sofort zuschlagen, denke ich.

Noch später am Abend, als der Wein aus dem Soho-House und der Gin-Tonic von Sigurds Präsentation ihre Wirkung schon entfaltet hatten, legten wir erst in der schönen Bar Babette, schräg gegenüber vom Kino International und mit ähnlich schönem DDR-Charme gesegnet, nach, und schlenderten dann rüber in den Nachtclub Avenue, in dem mein lieber Freund Tim arbeitet und Giannina und mich gebeten hatte, doch noch einmal aufzulegen, weil doch alle so gern zu unseren Lieblingsliedern tanzten. Das haben wir dann auch gemacht – und alle tanzten.

Von der hiesigen Fashion Week, die ja morgen mit unserer großen Auftaktparty beginnt, habe ich in all der Zeit noch so gar nichts mitbekommen, was ja auch irgendwie beruhigend ist – oder auch erschreckend, weil ich die Mode-Leute nie irgendwoanders sehe, als auf Mode-Veranstaltungen.

Morgen steige ich dann wieder rein, in die Filter-Bubble der Berliner Modebranche, trinke Champagner und werde lachend smalltalken und manchem Designer die Notlüge auftischen, dass ich seine Kollektion sehr spannend fände. Letztlich ist aber doch gar nichts spannend, außer vielleicht dass Dolce & Gabbana in Mailand eine Modenschau gezeigt haben, in der statt Models Instagram-Stars gelaufen sind und manche das jetzt gut und andere wieder schlecht finden. Das Gute daran ist sicher, dass sich so niemand ernsthaft mit der auffällig an Gucci angelehnten Kollektion auseinandersetzen muss, sondern alle auf die verkommene Influencer-Branche schimpfen, was irgendwie ähnlich uninspiriert ist, wie die Kollektion selbst – aber sicher mehr Spaß macht.

Das hier ist das erwähnte Sofa von Sigurd Larsen, das sicher sehr bequem ist und toll aussieht.
Tatsächlich finden sich in diesem Buch sogar mehr als 100 Geheimnisse aus der Kunstwelt, wie ich bei der Lesung von Magnus Resch und Thomas Girst ungefragt erfahren habe.
Diese schöne Collage sollte den Dresscode für die große #Philip33 Gala erklären.
Genau so wird es am Montag auf unserem großen DANDY DIARY DEATH FEST aussehen. Ich bin mir noch unsicher, welche Rolle die meine sein wird.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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