KW-20 2017: Was gewesen ist

In der vergangenen Woche hat sich der Sänger Chris Cornell das Leben genommen. Cornell war mit seiner Band Soundgarden im Zuge des Grunge-Trends in den 1990er Jahren bekannt geworden und litt wohl schon seit längerem an Depressionen, Alkohol- und Drogensucht. Und während ich so durch das Fairfax-Viertel in Los Angeles lief, hörte ich an mehreren Stellen, wie Songs von ihm im Radio gespielt wurden, im Auto oder vor den angesagten, immer gleichen Vintage-Läden in der Melrose Avenue, die ganz sicher auch getragene Bandshirts von Soundgarden in ihrer Auslage haben und eher nicht von seiner anderen, späteren Band, der Supergroup Audioslave, ganz einfach, weil die Band noch zu jung war und eben nicht vintage genug.

Cornell hatte vor einigen Jahren sogar den Titelsong für einen James Bond-Film gesungen und obwohl “You Know My Name” damit zu einem meiner Lieblingsgenres gehört und im Refrain deutlich ein Schellenkranz zu hören ist, hat mich der Song nie gepackt. Das musste man auch erstmal schaffen: Cornells Ausnahmestimme, Schellenkranz und Bond-Kitsch und mich nicht begeistern. Völlig unklar, wie das passieren konnte.

Der Produzent Rick Rubin, auch so eine legendäre Gestalt hier in Los Angeles, hatte einige Jahre vorher mit “Like A Stone” einen wahren Emo-Smasher Cornells produziert, in dem der über den Tod und die Einsamkeit sang und der Song lief nun ganz laut vor einem dieser kleinen Delis und alle guckten sehr traurig und auch ich wurde traurig, weil man sich mit 52 Jahren doch genauso wenig das Leben nehmen sollte, wie mit 27 und weil Cornell doch eigentlich ein sehr gutes Leben gehabt hatte, mit schöner Frau, zwei Kindern, einer Band, mit der er wieder auf Tour war, einmaliger Stimme und einem Aussehen, dass tatsächlich mit dem Alter immer noch ein bisschen besser wurde, obwohl er ja sowieso schon der allerschönste unter den Grunge-Sängern war, und das alles trotzdem nicht ausgereicht hatte, um glücklich zu sein und gegen die Depressionen anzukommen.

Ich ging dann schnell weiter, weg von den traurigen Gedanken und dem traurigen Lied, aber erst nach dem fantastischen Gitarrensolo von Tom Morello, und kam irgendwann zur LTD Galerie, in der der Künstler Klaus Jörres einige seiner Bilder ausgestellt hatte. Jörres, der im Zuge der Ausstellung einige Wochen hier in Los Angeles verbracht hatte, war leider schon wieder nach Hause, nach Berlin gereist, sodass wir uns verpasst hatten. Seine Galeristin führte mich dann durch die Ausstellung und fanden beide, dass die sehr formalen Bilder irre gut in ihre neue Galerie mit dem Betonboden passten. Und wie ich die Bilder so sah, dachte ich, dass ich doch dringend eins davon bräuchte, wenn ich doch nur mehr Platz in meiner Wohnung hätte, eventuell ein Zimmer mehr, und eben 10.000,- Dollar, um es mir kaufen zu können.

Mit ganz großer Sicherheit, dachte ich mir, würde es in einigen Jahren sehr viel mehr Wert sein und die 10.000,- Dollar wären nicht nur ästhetisch eine gute Investition.

In etwa genauso, wie es vor sieben Jahren keine ganz dumme Investition gewesen wäre, 100,- Dollar in BitCoins zu tauschen. Diese 100,- Euro wären jetzt, so las ich, 75 Millionen wert und ich fragte mich, was ich vor sieben Jahren mit 100,- Euro gemacht hatte und mein Freund, der DJ Quid Haden, schrieb mir dann, dass wir davon Gin Tonics gekauft hatten, in irgendeiner Bar. Mhhh, dachte ich. Und dann dachte ich an all die Nerds und spleenigen Freaks, die jetzt Millionäre waren, weil sie damals eben nicht in einer Bar gesessen hatten, sondern vor ihren selbst zusammengefrickelten Computern mit Wasserkühlung und Pizzaresten in der Tastatur und so einer ergonomischen Maus, mit der man ganz besonders gut und schnell klicken konnte, und ich freute mich für sie. Sie würden gute Millionäre sein.

Am Donnerstag, oder war es Mittwoch oder auch egal?, ging ich in die so genannte Blue Chip-Galerie des armenisch-stämmigen amerikanischen Galeristen Larry Gagosian und schaute mir die Kitsch-Kunst von Jeff Koons an, dem teuersten noch lebenden Künstler auf der ganzen Welt und mit dem vor sieben Jahren in BitCoins getauschten Hunni hätte ich mir hier tatsächlich auch eines seiner glänzenden, ironischen Popwerke kaufen können. Aber ich hatte mich ja für ein paar Gin Tonics entschieden.

Weil ich mir ohnehin vorgenommen hatte, aus meinen Fehlern zu lernen, setzte ich mich anschließend in eines dieser italienischen Lokale unweit des Rodeo Drive, in dessen Nähe alle sehr teuren Luxusmarken und Nescafé ihre Läden haben und eben auch Gagosian sein Geschäft für sehr teure Kunst, und trank ein Glas Weißwein für 17,- Dollar und dann gleich noch eins und versuchte auszurechnen, wieviele Koons-Teile ich mir davon in sieben Jahren hätte kaufen können, wenn sich die Internetwährung weiterhin so stark entwickeln würde und ich mein Geld eben nicht in Wein sondern in BitCoins angelegt hätte. Der Wein schmeckte gut und ich gab ein für diesen Ort sicher sehr mickriges Trinkgeld.

Am Donnerstagabend lief ich mit Giannina von Downtown ins sehr hippe Arts District, das deshalb so hip ist, weil es ein altes und sehr weitläufiges Industriegebiet ist, in dem sich Künstler noch halbwegs große Ateliers leisten können und weshalb eben viele Künstler aus dem selbst in den entferntest liegenden Stadtteilen noch viel zu teuren New York nach Los Angeles ziehen. Das Arts District sieht dann auch aus wie eine filmkulissige Version von Brooklyn, mit vielen viel zu gut gemachten und damit offensichtlich vom Immobilienbesitzer beauftragten bunt gemachten Graffiti-Wänden und Bio-Cafés und Fahrradläden. Einzig ein kleiner Punkladen, der schon länger hier zu sein schien, versuchte sich mit alten VHS-Kassetten und Tapes von frühen Punk-Shows gegen die Durchkommerzialisierung des Viertels zu stemmen und wurde so zwangsläufig zum authentischen Accessoire für die Aufwertung dieses großen, ehemaligen Industriearreals. Den Punks schien es egal, sie waren gut drauf und vielleicht würde ihnen irgendwann jemand ihre kleine, muffige Lagerhalle für viel Geld abkaufen. Selbst dran Schuld.

Mein Freund, der geniale Hirnforscher Zin Juan Klaft kam am Samstag aus der Bay Area zurück, wo er im Silicon Valley Gelder eingeworben hatte für ein Forschungsprojekt, das sicher unser aller Leben irgendwann revolutionieren wird, und holte mich mit einem glänzenden schwarzen Mustang ab, dem Auto. Er hatte uns extra den allerschnellsten Wagen von allen geholt und so fuhren wir röhrend mit 450 PS nach Osten. Zin wollte mir eine Shooting-Range zeigen und dort mit mir mit einer Schrotflinte auf Tontauben schießen. Ich hielt das für eine gute Idee und einen schönen Ausflug und so fuhren wir in Richtung Wüste.

Auf der Shooting-Range war Anfang des Jahres ein Gast von einem Querschläger getötet worden und ich wusste nicht, vor wem ich mehr Angst haben sollte: vor waffenbegeisterten Halbprofis, die ihre eigene Munition mitbrachten und in merkwürdiger Tarnkleidung aus ihren Trucks stiegen, vor amateurigen Muttis, die endlich auch mal ihre kleine Lady-Pistole testen wollten oder vor mir selbst. Letztlich ging dann natürlich alles gut und ich schoss auf durch die Luft fliegende Tontauben und traf in den allermeisten Fällen nichts und auch nicht mich selbst. Ich war zufrieden und bereit für den Rückweg durch den San Bernardino National Forest, durch den wir ganz unpassend und fremd mit unserem Zwölfzylindermotor durchpoltertend und uns dafür ein klein wenig schämten.

Abends trank ich im Hotel Chateau Marmont mit Giannina einige nicht besonders leckere Sours und freute mich über den Charme des Hotels, in dem gar nichts neu ist und alles authentisch alt und ein bißchen abgegriffen. Eng ist es auch und düster und natürlich eigentlich viel zu teuer, was ja wichtig ist, für so einen Ort. Nur wo der vor den Nazis geflüchtete, deutschstämmige Fotograf Helmut Newton einst mit seinem Auto in die Mauer fuhr und an den Folgen später verstarb, konnte mir schon wieder niemand erklären. Die Einfahrt ist doch eigentlich zu eng, um genug Tempo draufzukriegen, denke ich immer, wenn ich dort vorbeigehe und verstehe das alles nicht.

Nach ein paar Drinks fuhren wir weiter nach Hollywood, wo die ebenfalls deutsche Fotografin Ellen von Unwerth die Vorstellung ihres neuen Fotobuchs “Heimat” in einer kleinen Dive-Bar feierte. Und weil die Dive-Bar dann eben doch zu klein war, fuhren wir alle heimlich weiter in die Bar “No Name” auf der Fairfax-Street und waren dann plötzlich unter uns und alles war gut. Ellen scharte einige kuriose, zumeist schwule, in jedem Fall auffällig schlecht gekleidete Männer um sich und wollte gerade dazu ansetzen, ein paar Fotos zu machen, als sie, immerhin eine der bekanntesten Fotografinnen der Welt, vom Sicherheitspersonal aufgefordert wurde, ihre Kamera doch bitte in der Tasche zu lassen. Das Fotoverbot gelte für alle und eben auch für blondlockige Starfotografinnen. Sie fügte sich und die Feier ging weiter und verlagerte sich ab zwei Uhr dann noch in das gruftige Haus eines DJs, weil eben qua Gesetz um Punkt zwei sämtliche Bars und Clubs und Discos schließen müssen und alle Gäste dann mit zackiger Bestimmtheit vor die Tür gesetzt werden. Wer sich bis dahin keine Anschlussalternative besorgt hat, ist mächtig am Arsch, denn wenn Läden dabei erwischt werden, wie sie nach zwei Uhr Alkohol verkaufen, verlieren sie auf der Stelle ihre Konzession und das gilt für Bars und Clubs wie für Tankstellen, Liquor Stores und Delis. Es ist brutal und die Verzweiflung in den Gesichtern der auf die Straße gespuckten Trinker macht einen ganz traurig. Aber am nächsten Tag geht es ihnen bestimmt besser. Und für einen gepflegten Kater im heimischen Bett ist das Wetter hier schlicht zu gut und das Licht zu schön. Also sorgt Vater Staat, der alte Puritaner, vor. Nun gut – immerhin konnte sich im Schatten dieser Bevormundung die Kultur der Hollywood Hills-Hauspartys entwickeln und die sind ja nun auch nicht von, nun ja, schlechten, wenn auch strengen, Eltern.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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