KW-23 2017: Was gewesen ist

Jesus Maria! Was ne Woche.

Ganz der klassischen Punk-Maxime des Do It Yourself verpflichtet, schleppten wir, zum Ärger des eigentlich ganz freundlichen Taxifahrers, mehrere hundert Kilogramm Soundanlage von Davids Kreuzberger Wohnung in den Wagen des sich ärgernden Mannes und dann auch schnell wieder raus, während wir die Weserstraße in Neukölln blockierten, um die Anlage in die Bar „Jungbusch“ zu juckeln.

Wie so oft hatten wir in großen Dimensionen gedacht und dabei die Realität einen guten Mann sein lassen, sodass die Anlage dann auch locker für das Berliner Olympiastadion ausgereicht hätte. Laut würde es also werden, dachten wir und verkabelten die mannshohen Lautsprecher mit der Endstufe.

Tatsächlich wurde es dann auch sehr laut, als wir am Abend den Auftakt unserer Negroni Tour feierten, ebenjener Charity-Tour, auf der wir an drei aufeinanderfolgenden Abenden in ganz Deutschland Geld für die gute Sache einzusammeln gedachten. Es wurde sogar so laut, dass die Polizei an diesem Montag schon um 22 Uhr vor dem Laden stand und uns bat doch bitte sofort aufzuhören. Da hatten allerdings die Rapper von BHZ noch gar nicht angefangen, also hielten wir die in massiver Unterzahl angerückten Polizisten mit diesem und jenem Vorschlag zur Güte in Schach – und fingen einfach an. Zu zweit würden sie die unserem Lockruf gefolgten 350 Kids auf der Straße und im „Jungbusch“ ohnehin nicht vertreiben können und bis Verstärkung da wäre, hätten die BHZ-Jungs zumindest einige Songs ihres Sets spielen können. Und genauso kam es dann auch. BHZ spielten so lang, bis wir dem Druck nicht mehr standhalten konnten, die Anzeige ausgefüllt war und zwei Mannschaftswagen die Straße absperrten und uns einkesselten. Gegen 23.30 Uhr mussten wir abbrechen und den Abend beenden. Auf eine Straßenschlacht gegen die Staatsgewalt hatte zu diesem frühen Zeitpunkt der Woche keiner so recht Lust und ohnehin waren alle hochzufrieden und abgekämpft von der energiegeladenen Kraftmeierei der schon bald sicher sehr bekannt werdenden Rap-Kids von BHZ. Wir jedenfalls waren abgekämpft und KO – spätestens nachdem wir die Musikanlage abgebaut und abermals per Taxi zu David gebracht hatten. Den Punk-Spirit hatten wir an diesem Tag gewahrt.

Am Tag darauf, noch ganz verstört vom ungewohnt frühen und rigorosen Vorgehen der Berliner Polizei, bepackte ich eilig und ein wenig zu optimistisch meinen kleinen Handgepäckskoffer von Rimowa mit den Sachen, die ich für die kommende Woche brauchen würde: ein paar Unterhosen, T-Shirts, Laptop, Zahnbürste, Zeitschriften, Ladegeräte, Schnappmesser. Mittags flogen David und ich nach München, wo am Abend der zweite Teil unserer Negroni-Tour stattfinden sollte, im schönen Lokal „Kiss“ in der extra rauen Landwehrstraße, die Nahe des Hauptbahnhofs gelegen ist, zwischen fremdländischen Gebetsvereinen, Goldgeschäften, Stripclubs und Spielhallen. Wir fühlten uns sofort zu Hause. Später trafen wir die Rapperin Haiyti, die wir für diesen Abend engagiert hatten und schauten ihr beim Soundcheck zu. Später aß ich einen ganz hervorragenden veganen Dönerteller im „Kiss“ und wir tranken einen ersten Negroni, weil doch die freundlichen Herren Valentino Betz und Marvin Schumann vom Münchner Plattenladen und -label Public Possession vorbeikamen und uns von dem Buch erzählten, das sie ganz neu rausgebracht hatten und in dem es um das Thema „Schlaf“ geht. Wir tranken also unsere Negronis und hörten den beiden zu und warteten ein wenig bange darauf, dass der Abend beginnen würde, fragten uns, ob denn in München an einem Dienstagabend überhaupt genug Leute rausgehen würden, auf die Straße und zu einer von uns veranstalteten Barnacht mit Musik, und wenn ja, ob denn dann in diesem von vielen als solchen geschmähten Bullenstaat die Polizei nicht sogar noch schneller kommen würde, als in Berlin, also ganz sicher schon um neun, also dann, wenn es eigentlich doch erst losgehen sollte.

Um neun kamen dann aber erstmal die ersten Gäste und dann immer mehr und um zehn war es dann so brechend voll, dass die Leute draußen stehen mussten und man schon gar nicht mehr zu Bar durchkam. Haiyti musste dann auch ganz hinten, neben der Bar stehend, fast ein bißchen gequetscht, ihre großen Rap-Songs singen, in denen es so oft um Italien geht und auch um die Liebe. Die Münchner flippten schier aus und drängten zur Bar, also zu Haiyti und sicher auch zum Negroni, und sangen die Lieder mit, die sie kannten und bei den anderen tanzten sie einfach nur wild und sprangen und lagen sich gegenseitig in den Armen und manche auch zu Füßen. Die Polizei kam nicht und alle waren glücklich und blieben lang.

Nur wir gingen pflichtbewusst und leichtfüßig schon um halb eins zu unserem Hotel, dem angenehm unmodernen „Olympic“, weil wir doch schon am nächsten Tag würden nach Frankfurt fahren müssen, zur dritten Station unserer Tour. Dass die Polizei in Berlin so schnell gekommen war und in München einfach gar nicht, brachte uns allerdings um den Schlaf: war es das mit Berlin? Ist jetzt alles vorbei?

Als der Wecker um zehn vor zehn klingelte, saß ich immer noch mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen senkrecht im Bett und konnte das erlebte nicht fassen. Aber bevor es zu spät war, schnellte ich, ohne mir die Zähne geputzt zu haben, im Bademantel ins Erdgeschoss, um noch die letzten Krümel des Frühstücksbuffets zusammenzusammeln und meinen schlaflosen Körper damit zu stärken. Nach dem Frühstück traf ich Haiyti in der Lobby und sie erzählte mir, sicher auch, um mir ein bißchen zu schmeicheln, dass der Auftritt am Vorabend, also UNSER Auftritt, sogar viel besser gewesen sei, als ihr Auftritt bei Rock am Ring, dem allergrößten Musikfestival des Landes. Ich stimmte ihr zu, ohne ihren Auftritt bei Rock am Ring gesehen zu haben. Wir verabschiedeten uns und versprachen uns, Freunde zu bleiben.

Gegen Mittag traf ich mich mit David, der im anderen Flügel des gar nicht mal so großen Hotels „Olympic“ geschlafen hatte und wir fuhren gemeinsam mit dem ICE über Würzburg nach Frankfurt. Die ersten beiden Nächte unserer Tour hatten uns Müde gemacht, wir fühlten uns wie Guns ’n Roses nach zweijähriger Welttournee. Ein letztes Mal würden wir uns auf dieser Tour noch aufbäumen müssen, noch dazu in unserer Lieblingsstadt Frankfurt, von der ich schon so vielen vorgeschwärmt hatte und die ich immer wieder lobte, für ihre Roughness, für ihr Anti-Berlin-Sein und den generellen Spirit zwischen Bankenhochhäusern, Rotlicht- und Heroinszene.

Am frühen Abend kamen wir an und liefen die paar Meter vom Hauptbahnhof zum Lokal „Maxie Eisen“, in dem unsere Barnacht stattfinden sollte. Hier stand schon alles bereit: die Technik, der Live-Act (um seinen Soundcheck zu machen) und nicht zuletzt natürlich der Gastgeber Oskar Melzer, einst Nachtlebenimpressario in Berlin und nun Gastronomieunternehmer in Frankfurt. Bei einem Negroni, der uns in sekundenschnelle die Lebensgeister in unsere ausgeleierten Körper zurückschoss, lauschten wir Oschis tollen Geschichten von früher, die man auch sehr bald hier auf dem Blog in eigener Form nachlesen können wird. Und dann war es auch schon bald so weit: 21 Uhr, Showtime.

Weil wir noch kurz im Hotel waren, um uns unsere Haare zu kämen, kamen wir etwas später als sonst üblich, es muss viertel nach neun gewesen sein, und wir waren schlichtweg baff. Die ganze Straße, ach was: drei Straßen!, rund ums „Maxie Eisen“ standen voller Leute, Kids!, die gekommen waren, um die große Dandy Diary Negroni-Tour zu sehen und sicher auch ihren Helden, den Cloudrapper LGoony, den wir für diesen Abend eingeladen hatten. Aber erstmal spielte die Ignaz Crew und sie spielte ganz fantastisch! Das hier war der Sound der Jugend und alle wussten es und manche hatten auch ihre Eltern mitgebracht, weil sie eben noch so jung waren und die Eltern dann halt auch und es was für beide war, was sie hier erlebten. Dann, so gegen halb elf, sprang LGoony auf den Tisch, auf dem die Plattenspieler standen und sang seine Lieder vom Leben und alle sprangen und drückten gegen den Tisch und wollten ihrem Helden nahe sein, weil er doch ihnen auch so nahe war, mit seinen Texten, die sie alle kannten, von sich und von ihm. Es war schierer Punkrock und hätte Oskar nicht selbst mittendrin gestanden und quasi sekündlich laut geschrien, wie unglaublich geil das alles gerade war, ich hätte Angst gehabt, dass der Laden kaputt ginge oder wir zumindest echt Ärger kriegen würden, für diesen irren Moshpit.

Nach 45 Minuten war der Auftritt vorbei und alle eigentlich sehr erledigt, aber dann legten die Jungens von „Sucuk & Bratwurst“ auf, die genauso gut sind, wie ihr Name es vermuten lässt und der Wahnsinn ging weiter und weiter. Ganz Frankfurt war gekommen und stand auf der Straße vor dem „Maxie Eisen“. Es war genau so richtig: richtiger Ort, richtige Leute. Niemand hätte woanders sein wollen.

Die Nacht ging sehr lang und wurde zum Tag und so verpassten wir dann leider auch den Prozess gegen die Rapperin Schwester Ewa, dem wir eigentlich beiwohnen wollten, mit Xatar und Yüksel, die zwei Plätze für uns freigehalten hatten. Aber wir konnten einfach nicht, weil wir noch woanders waren und es so viel zu bereden gab, mit unseren Frankfurter Freunden. Wir würden ja wiederkommen wollen, sehr bald, und das mussten wir stundenlang besprechen und uns gegenseitig versichern was für eine ausgezeichnete Idee das war.

Gegen Mittag, die Sonne stand schon sehr hoch, aber das sahen wir nicht, weil da Wolken waren und wir die Schirmmützen tief im Gesicht trugen, um uns vor der Welt zu schützen, fuhren wir von Frankfurt nach Kassel. Hier sollte tags darauf unsere große Eröffnungsfeier zu Ehren der noch größeren Kunstschau DOCUMENTA stattfinden.

Weil widrigste Umstände, wie zum Beispiel das Wetter, uns zwangen, kurzfristig, in diesem Fall also innerhalb von 36 Stunden, die Feier von der Tofufabrik in die nahegelegene Weinkirche zu verlegen, waren wir in Kassel sofort gut beschäftigt. Wir dealten mit den Betreibern der Weinkirche hin und her und versuchten die diversen Lieferungen, die wir bestellt hatten, umzuleiten. Manches, wie etwa dutzende Kisten Bier, mussten wir und das bedeutete dann vor allem: unsere Freunde, dann eben selbst rüberholen, was sicher nicht nur Spaß war. Ein großes Danke dafür!

Anstatt am Donnerstagabend dann, wie ich es ihm eigentlich versprochen hatte, mit meinem Freund Moritz von Uslar auf den in Kassel stattfindenden Empfang des Zeit Magazins zu gehen, wo ich sehr gern den großen, kupfernen Tresen bestaunt hätte, von dem mir am Folgetag Christoph Amend vorschwärmen sollte, ging ich zu meiner Mutter, die im einzigen vom großen Krieg zumindest größtenteils verschonten Altbauviertel Kassels lebt und mich aufnahm und wo ich sofort einschlief, abgekämpft von den vergangenen Tagen und dem Irrsinn des kurzfristigen Locationwechsels.

Als ich am Freitag aufwachte, es muss gegen halb zehn gewesen sein, war der Tag des großen DOCUMENTA-Openings gekommen und ich eilte in die Weinkirche, um dort auf David zu treffen, auf Benjamin Koch und Tim Peters und auf Angelika, unsere Praktikantin, damit also auf unser gesamtes, klitzekleines Event-Team. Entgegen sämtlicher Erwartungen lief dann alles wie am Schnürchen, auch wenn so ein Ortswechsel kurz vor einer Feier natürlich schlimmste Kostensteigerungen verursacht. Ein herabfallender Bauzaun riss mir noch kurz und schmerzhaft eine lange Wunde in den Unterarm und dann war es auch schon Zeit für das von unserem Partner, der König Galerie veranstaltete Abendessen in einer nahegelegenen, türkischen Bar, das sehr lecker war und mich den ganzen Abend angenehm nach Knoblauch riechen ließ. Zu dem Essen waren alle gekommen: unsere DJs Quid Haden, Philip Mollenkott und Lars Eidinger, samt vorhandener Familien, Christoph Amend, Johann König und einige seiner Mitarbeiter, mein Freund Tobias Holz, der eigens aus Kopenhagen angereist war und noch ganz viele andere mehr. Es war eine schöne Runde und ich fand es ausgesprochen schade, vorzeitig gehen zu müssen, um als allererster auf der Party zu sein und dort die letzten, dann doch gar nicht so wichtigen Dinge zu erledigen.

Um 22.00 Uhr öffneten wir die Türen unserer Feier und es war tatsächlich die schönste Feier und ganz sicher auch die wildeste, die die DOCUMENTA je gesehen hatte. Aber das steht hier auf dem Blog ja auch noch an anderer Stelle in angemessener Ausführlichkeit.

Ich ging spät ins Bett, das ich mir für diesen Abend in einem Hotel genommen hatte, und schlief so lang es ging und dann nachmittags nochmal bei meiner Mutter, weil es vorher eben noch nicht genug gewesen war.

Am Samstagabend ging ich dann nochmal mit Giannina, die zur Feier angereist war, und meiner Mutter an den zentralen Plätzen der DOCUMENTA vorbei, an dem großen Parthenon der verbotenen Bücher, dem noch einige verbotene Bücher fehlten, um es komplett zu schmücken. Dort kam ich dann auf die Idee, die ich unbedingt noch der Berliner Kirche von Scientology vorschlagen muss, hier doch einfach hunderte oder tausende Bücher von L. Ron Hubbard zu spenden, die doch sicher irgendwo auf der Welt verboten sind oder waren, und so eine dermaßen Debatte loszutreten, wie sie doch hoffentlich gewollt ist.

Auf der Terrasse der Orangerie spielte ein DJ mit einem Live-Saxofonisten und ich fragte mich kurz, ob das schon die Wiederkehr dieses 2000er Trends war oder er an diesem Ort eben immer noch fortbestand. Ich kam zu keinem Ergebnis.

Später am Abend, meine Mutter schlief schon, schauten wir als Ablenkung von all der Kunst und der Party und dem ganzen Irrsinn, der damit zusammenhängt und der sich zwangsläufig wohl genau so abspielen muss, endlich die Doku „Safari“ von Uli Seidl, in der er Großwildjägerpaare in Namibia dabei begleitet, wie sie unter anderem eine Giraffe totschießen. Menschen mag man, wie so oft bei Uli Seidl, nach dem Schauen dieses Filmes nicht unbedingt lieber als vorher. Ich schlief gut und tief.

Den Sonntag verbrachte ich im Kreis meiner Familie und auf der DOCUMENTA, die ja ohnehin viel zu viel Kunst zeigt, sodass man gar nicht alles sehen kann und selbst zwei oder drei volle Tage nicht ausreichen, um alles zu erfassen. Und weil die Ausstellungsorte der Schau in der ganzen Stadt verteilt liegen, führte mich mein Lustwandeln durch die Kunst auch an meiner ehemaligen Uni vorbei, der Universität Kassel, die an vielen Orten noch genauso aussieht, wie vor einigen Jahren, an manchen Orten aber riesige, silbrig glänzende Neubauten hat, in denen unter anderem ein „Career Service“ untergebracht ist, während meine Fakultät, die Politikwissenschaft, an einen eher unschönen Ort am „Stern“ in der Kasseler Innenstadt gewandert ist, direkt gegenüber der Trinkerbank an der Bahnhaltestelle.

Das viele Rumlaufen, die Kunst und der Gedanke daran, was wohl aus mir geworden wäre, hätte es das glänzende Gebäude und den „Career Service“ schon zu meiner Studienzeit, die ja gar nicht so lange zurück liegt, aber die Zeit: sie vergeht ja eben doch sehr schnell und es passiert darin so viel, gegeben hätte, machten mich sehr müde und so schlenderte ich zurück zur Wohnung meiner Mutter und schlief bald ein. Es war eine lange Woche.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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