KW-24 2017: Was gewesen ist

Es waren klebrige, zum Teil noch halb gefüllte Glasflaschen, die wir, also David und ich und unser lieber Freund und ehemaliger Praktikant Benjamin Koch, da in Kassel in einen verbeulten Transporter einer Mietwagenfirma luden. Das im Laufe einer großen Party nicht zerstörte Pfand zu einem Getränkegroßhändler zu bringen, gehört nicht zu den glamourösen Aufgaben unserer selbstgewählten Lohnarbeit, aber wer solls denn sonst machen? Und außerdem kann uns bleichgesichtigen Computerhengsten ein bisschen körperliche Ertüchtigung ganz gut tun, dachte ich und vergaß dabei dass das ja nun auch schon wieder nur ein erlernter Gedanke neoliberaler Körperoptimierung war und dass es letztlich doch auch in Ordnung wäre, den Körper völlig verwahrlosen zu lassen und damit dem Wirtschaftskreislauf zu entziehen. Ersteres Kunststück zumindest hatte der große Endzeitprophet Michel Houllebecq, an den ich nun dachte, sehr anschaulich vorgeführt und damit alle zutiefst geschockt. Auf einen solchen Verfall hatte die Gesellschaft keine Antwort.

Nun waren es aber doch nur einige dutzend Kisten, wir schnell fertig und die Körper nicht viel optimierter als vorher. Alles war nochmal gut gegangen.

Am Abend dieses Montags ließen wir uns von einem Kunsthistoriker noch durch die sehr schön benannte Neue Neue Galerie in Kassel führen, wobei wir diskursiv mit den anderen Teilnehmern, unsere Gruppe bestand aus etwa zehn Personen, versuchten, zu ergründen, was die hier gezeigte DOCUMENTA-Kunst wohl bedeuten könnte. Oft wurde das nicht ganz klar, manchmal waren die Erklärungen allzu einfach. Viel blieb jedenfalls nicht hängen und der Eindruck verfestigte, dass diese DOCUMENTA nicht sonderlich stark war und weit hinter dem Anspruch die allerwichtigste Kunstschau der Welt zu sein zurück blieb.

Den darauffolgenden Tag verbrachten David und ich zu großen Teilen im Auto seiner Eltern, einem grauen VW Kombi, dessen Auspuff uns irgendwo in Mittelhessen mit einem angsteinflößenden Krachen bei Tempo 180 abfiel. Wir fuhren nach Rheinland-Pfalz, in die oder heißt es auf der Weinstraße. Dort trafen wir den erfolgreichsten in Deutschland lebenden Designer und besprachen, was es zu besprechen gab und schossen einige der schönsten Fotos unserer Dandy-Laufbahn, ganz im Stil der “Army of Lovers” und des Musikvideos zu Falcos “Rock Me Amadeus”. Bald, sehr bald sogar, können wir die Fotos zeigen, für die sich, wie wir finden, die weite Fahrt bei strahlendstem Sonnenschein gelohnt hat.

Der letzte ICE des Tages fuhr mich von Kassel nach Berlin und ich war endlich wieder zu Hause.

Am Mittwoch besichtigen wir mit unseren engsten Mitarbeitern, also einem Team von exakt fünf Leuten, die “Insel der Jugend”, wo schon sehr bald das schönste Fest des Sommers stattfinden wird und wir besprachen, wo die Schwanenboote würden anlegen können. Und weil das Wetter so gut war, fuhr ich nochmal eine Extrarunde durch die schöne Stadt, auf einem flinken Elektroroller, deren Verbreitung in Berlin ich für das Beste halte, was dieser Stadt in den letzten Jahren passiert ist.

Nachmittags traf ich meine Freunde Quid Haden und Paul Ronzheimer und wir tranken erst eine Schorle und dann ein Bier in der Sonne und Berlin zeigte sich von seiner besten Seite. Und während es in Los Angeles immer schon recht früh Nacht wurde, blieb es hier sehr lange hell, als würde die Stadt sich noch weiter sonnen wollen und ein bißchen angeben und zeigen, dass es hier eben auch sehr schön ist.

Mein lieber Freund Alexander Licikas hatte sein Restaurant “Dinette” schon vor einigen Monaten eröffnet und am Donnerstag hatte ich es dann endlich auch mal geschafft, vorbeizukommen und dort zu essen. Und natürlich war es sehr gut und ist absolut zu empfehlen. Wir aßen Couscous und tranken eine köstliche Melonenschorle und zum Nachtisch gab es Kokosnuss-Panna Cota.

Abends feierte das Magazin “Musikexpress” den Relaunch des Heftes und die neue Ausgabe und lud an den Moritzplatz. Peter Kaaden hatte für das Heft unter anderem Fotos von Lars Eidinger gemacht, der an diesem Abend auch auflegen sollte, und so war es ein schönes Wiedersehen und ein willkommener Pflichttermin. Dass die Getränke schon um 21 Uhr leer waren und die Polizei um sieben Minuten vor zehn kam, um Lars darauf hinzuweisen, dass er nur noch sieben Minuten würde Musik spielen dürfen, nervte brutal. Aber ansonsten war es ein schöner Abend und ich sehr froh, dass Peter mir wider erwarten beim Pogo zu Popmusik keinen Zahn ausgeschlagen hatte.

Lars war gerade aus Moskau gekommen, wo er Interviews geben musste, zu einem russischen Film, den er gedreht hatte. Und weil eine Moskauer Politikerin ihn als Pornodarsteller geschmäht hatte, weil er hin und wieder und zum Beispiel auch auf der Berlinale seinen nackten Po gezeigt hatte, gab es einigen Ärger und viel zu bereden. Lars spielt in dem Film einen russischen König und einige religiöse und nationalistische Spinner hatten angekündigt, die Kinos, in denen der Film gezeigt würde, anzuzünden. Im Oktober läuft der Film in Russland an und irgendwann soll er auch in synchronisierter Fassung in Deutschland laufen.

Am Freitagmittag ging ich mit Moritz von Uslar essen und reden und ich war froh, wieder in Berlin zu sein, weil hier ja meine Freunde sind, die ich jetzt wirklich schon zu lange nicht mehr gesehen hatte. Berlin, dachte ich, ist trotz dieser neuen restriktiven Polizei, die jede Feier der letzten Wochen um 22 Uhr beendet, doch okay. Und vielleicht sind die Zeiten, in denen man nach 22 Uhr noch Krach macht, halt einfach vorbei, wie in so vielen und eigentlich allen anderen Städten. Trotzdem fragte ich mich, ob das denn jemand angeordnet hatte, dieses strengere Einschreiten der Polizei, die Abkehr vom sonst hier so üblichen Laissez Faire. Und, wenn ja, warum und wer. Vielleicht ist es ja nur temporär, dachte ich.

Weil ich auf keinen Fall abends auf einer Feier stehen wollen würde, die abermals um 22 Uhr beendet würde, entschied ich, meinen Freund Rafael Horzon zu begleiten, der nachmittags von Berlin nach Weimar fuhr, um dort im weiteren Rahmen der Bauhaus Universität einen Vortrag zum Thema “Modern sein” halten sollte. Also fuhren wir mit dem ICE und dann noch mit einem Regionalzug durch die ehemalige DDR und aßen im Bordrestaurant.

Rafi hatte Ende der Neunziger gleich drei Bücher zum Thema “Modern sein” geschrieben und war wohl auch deshalb eingeladen worden, dort zu sprechen. Das erste Kapitel seines Sachbuchs trägt den Titel “Warum Wissenschaft modern ist. Warum alle Museen und Galerien gesprengt werden müssen.” und etwa die Hälfte des Buchs beschäftigt sich mit Sprengtechniken und -stoffen und wäre heute wohl verboten.

Bevor Rafi aus seinen Büchern vortrug, laß der Autor Jörg-Uwe Albig aus seinem neuen Buch, das er in Klagenfurt beim Bachmann-Preis vorstellen wird. Wir standen auf einem Feld in der Nähe von Weimar und blickten, wie wir ihm da so zuhörten, über blühende Mohn- und Getreidefelder auf einige Plattenbauten und wenn wir nach links schauten auf den hohen Turm des Konzentrationslagers Buchenwald. Das hier war verdichtetes Deutschland, hier konnte man plötzlich alles sehen. Und später standen wir noch vor dem Stadthaus von Goethe und alles wurde noch dichter und deutscher und wir beschlossen den letzten Zug nach Hause zu nehmen, nach Berlin, dem neuen geistigen Zentrum dieses Landes, in dem Rafi einst schrieb:

“Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mitteleuropäers beträgt derzeit etwa 78 Jahre. Viel, werden einige sagen, und doch vergehen diese Jahre schneller, als uns manchmal lieb ist. Grund genug, bei allem, was wir tun, uns wieder und wieder die Frage zu stellen: “Ist es wirklich sinnvoll? Könnte ich meine kostbare Zeit nicht viel effektiver verbringen? Ist das, was ich tue, wirklich modern?” (Rafael Horzon: “Modern Sein”, 1997)

Den Samstag verbrachte ich mit Giannina und wir liefen durch die Sonne, aßen Eis mit bunten Streuseln. In der Zeitung laß ich die Nachrufe auf Helmut Kohl, dessen, um beim “modern sein” zu bleiben, seine kostbare Zeit ja sehr seffektiv damit verbracht hatte, die deutsche Wirtschaftsmacht mittels Gemeinschaftswährung auf alle Zeiten gegen nachbarstaatliche Währungsabwertungen zu sichern und somit die europäische Alleinherrschaft Deutschlands, wie sie aktuell durch Dr. Angela Merkel performt wird, vorzubereiten. Ein großer Europäer ist man mit einem solchen Move ja eigentlich nicht, dachte ich, und wunderte mich über die unwidersprochene Geschichtsklitterung in den Artikeln, die ich für geistig-moralischen “Beileidstourismus” (Kohl) hielt und “einhändig zerriss” (Horzon).

Die trüben Gedanken spülte ich eben nicht mit Birnenschnaps von dannen, sondern mit einigen großen Zügen französischen Champagners. Unsere Freunde, die Seefahrer Miky und Linda, hatten uns nach Schöneberg eingeladen, wo wir zu Abend aßen und uns erzählten, was so passiert war, im jeweiligen Leben, seit wir uns das letzte mal gesehen hatten, vor einigen Monaten im sozialistischen Havanna, dem der Fall der Berliner Mauer, den “Einheitskanzler” Kohl ja ganz allein ausgesessen hatte und dem darauffolgenden Niedergang der Sowjetunion eine schlimme Krise beschert hatte, und das sich erst so langsam wieder berappelt. Wir hatten eine gute Zeit in Havanna gehabt und nun hatten wir eine gute in Schöneberg.

Später trieb uns die Nacht noch auf die Straße und wir gingen zur Geburtstagsfeier von Cloudy Zackrocki, die 31 Jahre alt wurde und in die Bar “Liberate” geladen hatte und alle hatten sich angezogen wie in den 1970er Jahren, was niemandem so recht schwer fiel, weil diese Epoche aktuell ohnehin sehr en vogue ist und die Gäste das auch alle wussten, weil sie samt und sonders in der Modebranche arbeiten. Und von Kohl hatte hier noch nie jemand gehört. Nur von Kale, was aber ja auch schon wieder out ist.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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