KW-26 2017: Was gewesen ist

Es war Montag und ein guter Tag, um auf die „Insel der Jugend“ zu fahren und einmal zu gucken, ob denn alles klappen würde, für unser Sommerfest zu Ehren des großen Modeschöpfers Harald Glööckler, das wir anlässlich der Berliner Fashion Week veranstalten würden, genau eine Woche nach diesem Montag. Und natürlich war alles gut, ganz wunderbar sogar, ein Lustgarten für den „Prince of Pompöös“ und seinen Hofstaat, für Djamila Rowe, Micaela Schäfer, Betty Amrhein, ja, auch Julian Stoeckel, Kader Loth und all die anderen, die man auf der Berliner Fashion Week gern aus den Front Rows verbannen würde, um endlich Seriosität zu demonstrieren und weg vom Boulevardtrash zu kommen. Wir würden sie alle noch einmal versammeln, für ein Kitschfest, das die Welt so noch nicht gesehen haben würde – und die „Insel der Jugend“ war bereit.

Nachmittags fuhren wir, also unser Dandy Diary-Event-Kernteam, bestehend aus David und mir, unserer unermüdlichen Kollegin Angelika, und der Nachtlebengröße Tim Peters, zum sich in der Auflösung befindenden baldigen Ex-Büro von Harald Glööckler, wo schon seine Assistentin „Frau Schulz“ auf uns wartete und uns einige Glööckler-Couture Kleider mitgab, sowie ein paar vom Meister selbst gemalte Bilder, die man ziemlich genau als Abstrakten Expressionismus einstufen kann und die einige Kritiker wenig überraschend an den Action-Pointer Jackson Pollock erinnern, gerahmt in goldenen Plastikrahmen, wie sie eher zu den Bildern der Alten Meister passen würden: Rokoko meets modernste Copy-Paste-Kunst. Wiedermal wurde klar, dass Glööckler tatsächlich ein genresprengender Künstler ist. Begeistert fuhren wir die Werke auf die „Insel der Jugend“ und dort aßen wir vor lauter Glück erstmal Waffeln mit heißen Kirschen und Vanille-Eis. Es passte einfach alles so wahnsinnig gut zueinander.

Am Dienstag nahm ich einen frühen Flug nach Tübingen, wo ich abends vor gut 150 Studierenden über die Kunst des Bloggers referieren würde, doch vorher schlenderte ich durch die Stadt, die vielen als schönste Deutschlands gilt, mit ihrem pittoresken Fachwerk, fast unversehrt vom großen Krieg, der in so vielen anderen Städten Platz geschaffen hatte, für die Moderne. Ich erfuhr, dass Menschen mit „Stocherkahnen“ über den Neckar fuhren, was deutlich uneleganter klingt, als es aussieht und natürlich sofort an Venedig denken lässt und die dortigen Gondolieren. Mein Hotel lag am Schlossberg und die Sonne schien heiß vom Himmel, es war ein schöner Tag und ich schaute aus dem Fenster auf das Neckartal und schaffte es nicht, mich ins WLAN einzuloggen. Tübingen mag mit einem Durchschnittsalter von 38 Jahren und dem hippen, jugendlich-wirkenden, grünen, von Mutti geföhnten, fahrradfahrenden Bürgermeister Boris Palmer als eine der jüngsten Städte Deutschlands gelten, aber das Schlosshotel schien sich dieser Dynamik zu verschließen, also nutzte ich die Zeit dazu, statt durch einen MacBook-Monitor in die Bubble und damit auf mich selbst zu schauen, weiter durch die Altstadt zu schlendern, in der es den Menschen ausnahmslos gut ging, die Studenten Eis aßen und die älteren Bier aus Gläsern tranken. Und leise summte ein strombetriebener Porsche hinter mir und fuhr mich beinahe tot.

Der Vortrag vor den Studentinnen und Studenten, die heute ja Studierende sind, war ein voller Erfolg. Ich erzählte dies und das und ein paar Anekdoten und gab ziemlich an. Es war das, was die Leute hören wollten und anschließend lud ich alle zu unserer großen Glööckler-Sommerparty ein und mit einigen trank ich noch einen Vodka-Soda an der Bar und später noch in einer anderen Bar und ich erzählte ihnen von dem Leben, das ja zu großen Teilen noch vor ihnen liegen würde und ich erzählte davon, wie sehr ich studiert hatte und dass ich es manchmal vermissen würde, vor allem die langen Diskussionen und Streitereien mit den Streberkommilitonen und den Dozenten. Und weil ich eben nur Vodka-Soda trank, wie ich es neuerdings doch ausschließlich tue, hatte ich am kommenden Tag keinen Kater, keine Kopfschmerzen, nur ein bißchen Wehmut, weil ich kein Student mehr war und wohl auch nie mehr sein würde und ich noch einmal einen Blick hatte hineinwerfen dürfen, in dieses naiv-glückliche Leben, in dem man noch so viel lernen wird.

Am Mittwochabend sah ich aus gegebenem Anlass einen Film mit Ryan Gosling aus 2001, in dem er einen jüdischen Nazi-Skinhead in New York spielt und der beim Sundance Filmfestival einst den großen Preis der Jury gewonnen hatte. Darüber wollte ich doch sehr bald mit ihm reden, hatte ich mir vorgenommen, doch dann schlief ich auf dem Sofa ein. Wir würden über etwas anderes reden müssen, vielleicht über „Lala Land“.

Am Donnerstag wurde Berlin von einer ziemlich Wassermasse heimgesucht. Es regnete sehr stark und im Internet kursierten tolle Videos davon, wie eine Frau beim Überqueren einer Straße kurz in ein Wasserloch fällt oder davon, wie ein Mann über eine Straße schwimmt. Während des großen Regens saßen Giannina und ich im Fotostudio unserer Freundinnen Juliette und Fanny, die zu einem Indoor-Gartenfest geladen hatten, mit Kunstrasen und Plastikpalmen. Das Wasser mussten sie mit Sandsäcken draußen halten. Ich dachte kurz an unser ja schon bald stattfindendes Sommerfest und fand, dass es ja auch etwas romantisches hätte, wenn alle Gäste des Wetters wegen auf der „Insel der Jugend“ würden übernachten müssen, abgetrennt von der Stadt, nur zu erreichen mit Flamingo-Tretbooten oder einem Helikopter. Ich telefonierte kurz mit unserem Team, also Tim Peters, der mich beruhigte und sagte, dass wir genügend Getränke haben würden, für ein solches Szenario und das würde ja das wichtigste sein. Und dann sah ich den Wetterbericht auf meinem Handy und sah, dass am Montag die Sonnen scheinen würde, was ja eigentlich auch nicht anders zu erwarten gewesen wäre, schließlich hatten wir mit Harald Glööckler den Sonnenkönig des Homeshoppings geladen und da hätte Regen einfach nicht gepasst.

Nachmittags schwammen Giannina und ich mit dem kleinen Auto von Juliette in ein Filmstudio im Süden Berlins und performten einen dreieinhalbsekündigen Cameo-Auftritt für das neue Musikvideo unserer Freunde von „Das Tokio Hotel“ mit dem Titel „Boys Don’t Cry“, einem genderbendenden Elektropopsmasher im Gewand der 1980er Jahre. Bill, den Sänger der Band, hatte ich um ein Haar nicht erkannt, was an seiner Perücke gelegen haben könnte oder auch am Rest seines Drag-Outfits. Nach einer Stunde intensivster Performance, also zwei dreieinhalbsekündigen Takes und einiger Warterei, zog ich meine George Michael-Fummel wieder aus und wir schwammen zurück in die Stadt.

Abends waren wir zum Essen geladen. Die Schwester des verfemten Modedesigners Philipp Plein hatte uns und einige Freunde und auch ein paar Menschen, die ich noch nicht kannte, an diesem Abend aber nicht weiter habe kennenlernen wollen, ins Atelier geladen, weil sie ihr eigenes Modelabel „Les Eclaires“ hatte vorstellen wollen. Das Label hatte sich in den vergangenen Jahre vorrangig auf den russischen und den chinesischen Markt konzentriert und dort gut verdient. Nun sei aber der russische Markt weggebrochen, was sicher an den fortlaufenden EU-Sanktionen wegen der Ukraine-Auseinandersetzung liegt, und sie würden sich nun dem so genannten Heimatmarkt zuwenden: Deutschland.

Wir aßen gut, ich trank Vodka-Soda und dann streifte ich einmal durch die Kollektion des Labels und fand bei den Frauensachen eine mit goldenen und silbernen Pailletten besetzte Hose, die mir Gloria, so der Name der Plein-Schwester, dann auch direkt schenkte, damit ich sie bei unserem Sommerfest würde tragen können. Mehr Glööckler-Glitz würde nicht möglich sein und so war ich sehr glücklich darüber endlich ein Outfit gefunden zu haben oder zumindest den Grundstein eines Outfits. Voller Überschwang lud ich Gloria und das gesamte „Les Eclaires“-Team zum Fest ein und alle sagten zu. Große Freude.

Den Freitag verbrachte ich mit Ilka, einer in der DDR unweit von meiner heutigen Wohnung geborenen Berlinerin. Ein Fernsehsender hatte die Idee, das alte Berlin und das neue, und damit sie und mich, zusammenzuführen. Wir verstanden uns blendend und zeigten uns gegenseitig, wie wir so leben, als Nachbarn zwar, aber doch auch sehr aneinander vorbei. Im Lokal „Fechtner“ probierte Ilka zum ersten Mal in ihrem Leben einen Ingwer-Shot und Chia-Pudding und erzählte mir, wie es früher so war, in Mitte und in der DDR und dann gingen wir in das Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte, das zufällig offen stand und da standen wir dann im Hinterhof, in dem ihr Vater einst Autos repariert hatte und jetzt Mülltonnen stehen und eine Tischtennisplatte und dann wurde Ilka traurig und schaute auf die Klingelschilder und da kannte sie keinen Namen mehr und alle klangen ganz fremd. 43 Ostmark Miete hatte sie damals pro Monat für ihre 70 Quadratmeter Wohnung im Erdgeschoss bezahlt, in die dann die Ratten kamen, die sich durch die Dielen gefressen hatten. Jetzt war alles renoviert und die Miete kostet etwa anderthalbtausend Euro und Ilka ist schon lang an den Rand von Mitte gezogen, in ein Hochhaus, wo sie sich die Miete noch gerade so leisten kann und wo es keinen Chia-Pudding gibt und keine Ingwer-Shots.

Wir schlurften dann weiter, durch den Regen, und besuchten die Ausstellung „Old Masters“, die an diesem Abend in der Chausseestraße 131 eröffnen sollten und bekamen eine Führung von der Fotografin, die Bilder alter Meister nachgestellt hatte, mit Persönlichkeiten wie dem Zombie Boy oder einem Mädchen ohne Beine. Ilka erzählte, dass in diesem Gebäude früher die Stasi gewesen wäre, das hätte jeder gewusst und die Ausstellung, auch wenn ihr nur wenige Bilder gefallen haben, sei jetzt ja wirklich mal eine positive Veränderung. Es war ein versöhnliches, schönes Ende unseres Nachmittags und wir verabredeten, uns bald mal wieder zu sehen und wir beide wussten, dass das wahrscheinlich aber eher nicht passieren würde und tauschten deshalb auch erst gar nicht unsere Telefonnummern aus.

Am Abend ging ich mit Gia ins Restaurant „Crackers“, wo wir unsere Freunde Alyssa und Jan trafen und noch ein paar andere Leute, gemeinsam aßen und dann den ersten von vier Teilen der Dokumentation über den Hip Hop-Produzenten Dr. Dre und den Produzenten Jimmy Iovine zu schauen, die einst gemeinsam die Kopfhörerfirma „Beats“ gegründet und vor einigen Jahren für mehrere Milliarden Dollar an Apple verkauft hatten. Es ist eine gute, eine inspirierende Serie, fand ich, auch wenn die Geschichte von Dr. Dre spätestens seit dem Film „Straight Outta Compton“ bekannt ist. Die von Iovine war dann umso spannender. Unter anderem lernte ich, dass Bruce Springsteen den Song „Because the night“ geschrieben hatte, aber nicht verwenden wollte, und dann hat Jimmy Iovine ihn genommen und Patti Smith gegeben und ihr damit ihren größten Hit beschert. Wir liefen im Nieselregen heim.

Das Wochenende verbachte ich hier und da und auf der drei Tage zu früh stattfindenden Geburtstagsfeier meines Freundes Ivo Peric und nicht auf dem Abschiedsfest der Volksbühne, weil es ja so viel geregnet hatte und ich keine Lust hatte, draußen zu stehen, was ich jetzt ein bißchen bereue, und ich schlief natürlich zu wenig, obwohl die große Glööckler-Party, das Kitschfest des Jahrtausends doch bevorstünde und all meine Kraft fordern würde. Ich Dummkopf.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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