KW-30 2017: Was gewesen ist

Es war also schon wieder Montag und weil das Wetter nicht gut war, wie es in diesem Sommer eben oft nicht gut ist, hier in Berlin, der Stadt also, in der wir uns alle entschieden hatten, zu leben, tat ich das, was man in so einem Fall eben am allerbesten tut: ich las.

Ich las das Interview, das der Tagesspiegel mit dem Kulturtheoretiker Diedrich Diederichsen geführt hatte und in dem es schon wieder um den neuen Intendanten der Berliner Volksbühne ging, um den Belgier Chris Dercon, der, so der Vorwurf von eigentlich fast allen Seiten, keine ideale Besetzung sei und eben kein großes, wegweisendes, auch störendes Theater machen könne. Und als ich das so laß und draußen der Sommer keiner werden wollte, wurde mir klar, was mir schon viel länger hätte klar geworden sein müssen: Chris Dercon hat mit seiner Intendanz, die ja noch nichtmal richtig angefangen hat, das größtmögliche, das politischste Theater veranstaltet, auf der allergrößten Bühne, der gesamten Stadtöffentlichkeit, mit starken Charakteren und einem Plot, dessen Ausgang bis zuletzt in jede Richtung schlagen kann. Er ist schlicht der größte Theatermacher der Stadt und die Alten mögen bitte schon allein deshalb abtreten, weil sie das nicht verstanden haben und außerdem auch, weil sie alt sind und es reicht.

Abends, als das Wetter ein bißchen besser war, saß ich dann noch für die Dauer von zwei kleinen Colas und einer Flasche Weißwein vor der Kingsize-Bar, die ja wirklich nur wenigste Meter von meiner Wohnung entfernt liegt und bald eben gelegen haben wird, weil dies doch die letzte Woche ihrer Existenz sein sollte. Und so saß ich da mit meinem Freund, dem Barkeeper und DJ Quid Haden und dann kam noch der Exil-Münchner Amedee Till, ebenfalls DJ aber neuerdings nicht mehr Barkeeper, und wir sprachen ein bißchen über die zahlreichen Passanten, die an uns vorbeiwackelten. Es war ein schöner Vorabend und sehr wahrscheinlich der letzte dieser Art.

Als der Regen einsetzte, stand dann pünktlich wie die Eisenbahn, Rafi Horzon mit seiner Mercedes Limousine auf dem Bürgersteig und wir fuhren schnell ins Kino, um endlich den Film „Wonder Woman“ zu sehen, einen astreinen Hollywood-Blockbuster, in dem eine göttliche Amazone im ersten Weltkrieg mit ihrem Schwert und ihrer Superheldenkraft ein paar deutsche Soldaten und Generäle tötet und so einen Gaskrieg abwehrt. Eine gute Geschichte.

Dass die Hauptdarstellerin, das israelische Model mit dem schönen Namen Gal Gadot, im englischen Original mit starkem hebräischen Akzent spricht und dem Film somit eine weitere Bedeutungsebene hinzufügt, blieb uns, die wir die – ehm nunja – eingedeutschte Version gesehen haben, leider verwehrt. Dafür hatten wir aber 3-D-Brillen auf der Nase, was nichtmal ein schwacher Ersatz ist, sondern schlicht nervig. Die Filmstudios machen das mit diesem ganzen 3-D-Ding bei den Blockbustern, so meine steile These, doch sowieso nur, um das Abfilmen und Onlinestellen der mit viel Geld produzierten Filme zu erschweren. Das Kinoerlebnis, zumindest in jedem Fall meines, wird dadurch nicht unbedingt verbessert.

Am Dienstag stand ich früh auf und fuhr noch fast vor dem Morgengrauen mit Rafi eine Kofferraumladung voller Wanddekorationsobjekte zu unseren Kunden, die uns mit ihrem Kauf sehr reich gemacht hatten und sich noch viel mehr. Auf dem Grundstück des Künstlers Anselm Reyle, dem allerschönsten Ort südlich der Spree, wie ich sofort feststellen musste, blieb unsere 1989er Lieferlimousine dann liegen und wir spielten kurz mit dem Gedanken einfach dort zu bleiben und heimlich auf der schönen Fläche am Wasser, versteckt irgendwo zwischen Atelier und Wohnhaus, zu wohnen, bis uns jemand finden und des Geländes verweisen würde. Es war ein zutiefst romantischer Gedanke, getragen von dem Wunsch an diesem so stilsicheren und schlicht schönen Ort zu leben. Als der Wagen dann wieder ansprang fühlten wir eine tiefe Traurigkeit und schwiegen die restliche Fahrt zurück in die Stadt voller Schmerz.

Als wir abends im Restaurant Petit Royal, dem kleinen, französischen Bruder des Grill Royal, frustaßen, konnte erst ein giftiger Kirschschnaps unser Schweigen lösen. Der Produzent hatte die Flaschen eigentlich zurückgerufen, weil ein zu hoher Wert irgendeiner Sache in der Abfüllung gemessen worden war. Am Ende des Abends war die Flasche jedenfalls leer und unsere Leere gefüllt und so spazierten wir noch ein wenig durch Charlottenburg und bewunderten die großbürgerliche Schönheit dieses Viertels und ihrer Bewohner und die vielen kleinen Einzelhändler mit ihren eigenartigen Geschäften für Schönheit und Malerei und Hundeaccessoires.

Am Mittwoch regnete es wieder und ich widmete mich ganztägig meiner Arbeit, trank zu viel vom Kaffee und schrieb einige dutzend E-Mails.

Das Wetter besserte sich und so war es dann auch gar nicht weiter schlimm, dass ich am Donnerstagmittag eine Stunde zu früh am Flughafen in Berlin-Tegel war, Gott weiß warum. Ich saß dann auf einem dieser Betonblöcke vor dem ausrangierten S-Bahn-Waggon, in dem heute Currywürste verkauft werden und Bier, und laß im SPIEGEL vom kommenden Krieg, während mir die Sonne ins Gesicht schien, was mir gute Laune machte.

Später entdeckte ich dann, ich hatte immer noch sehr viel Zeit, dass es in der AirBerlin-Lounge nicht nur heiße Kaffeegetränke umsonst gab, sondern auch Kaltes und das in Glasflaschen, obwohl das doch eigentlich aus Sicherheitsgründen verboten sein müsste, weil man die Flaschen ja mit an Board des Fliegers nehmen, dort abbrechen und damit Unfrieden stiften könnte. Dies waren so meine Gedanken, als ich durch die ZEIT blätterte, in der vom Krieg keine Rede mehr war, aber viel von Gefühlen und dem Glauben an dies und das.

Den Flieger bestieg ich dann ohne Glasflasche und wenig später war ich auch schon in München, wo ich klugerweise die S-Bahn in die Stadt nahm und kein Taxi. Ich wohnte im Hotel Olympic, einem sympathisch altmodischen Hotel in der Nähe des Gärtnerplatzes, das statt diesen Plastikkarten noch echte Schlüssel für die Zimmer hat, mit großen, schweren Anhängern dran, auf denen die Zimmernummern stehen, und einfach verglaste Doppelfenster und schmale Betten aus dunklem Holz.

Am frühen Abend holte mich die Regisseurin Christel Buschmann im Hotel ab und wir aßen im Literaturhaus und tranken in Schumanns Bar. Es war ein guter Abend und es gab viel zu besprechen über den Film und den deutschen Film, über Schauspieler und über Musik und ich war ganz fasziniert von alldem und konnte gar nicht genug kriegen, von den Anekdoten über Alexander Kluge und Volker Schlöndorff und Stefan Aust und die Pferde. Am liebsten hätte ich mir die ganze Zeit Notizen gemacht, aber das wäre unhöflich gewesen und ich hätte dann sicher auch was verpasst. Wir unterhielten uns sechs oder sieben Stunden und es hätten gerne auch mehr sein können, so viel wollte ich wissen, von der Welt des Films, um den und um die es hier ging.

Irgendwann später am Abend kamen dann noch meine Freunde Paul Ronzheimer und Philip Mollenkott dazu, mit denen ich mich ja verabredet hatte, um Pauls Geburtstag nachzufeiern, den er arbeitsbedingt hatte im Kriegsgebiet von Syrien und dem Irak verbringen müssen. Und so wurde der Abend sehr viel länger und wir fuhren noch in ein, zwei andere Bars und irgendwann schlief ich tief beeindruckt von allem was so passiert war auf einer schwarzen IS-Fahne ein, die Paul mir mitgebracht hatte und die mir seit dem ersten Anblick eine Heidenangst macht, die sich nur sehr langsam verzieht.

Am Freitag aß ich dann mit Paul noch eine wie immer sehr ordentliche Pasta in dem italienischen Bistro „Bar Centrale“ und dann fuhr ich auch schon wieder mit der S-Bahn zum Flughafen und ich fuhr schwarz, weil die Zeit nicht gereicht hatte, ein Ticket zu kaufen und ich darauf sowieso keine Lust hatte, weil ich ja finde, dass der öffentliche Nahverkehr doch am besten steuerfinanziert sein sollte, der Umwelt wegen und des Sozialen, und ich fragte mich im gleichen Moment, ob das noch ordoliberal wäre, libertär war der Gedanke jedenfalls ganz sicher nicht. Ich hatte also fleißig zu tun, mit all der Denkerei, auf dem Heimflug und so verging er dann eben auch tatsächlich wie im sprichwörtlichen Flug.

Samstagmorgen ärgerte ich mich erstmal über die sehr müde SPIEGEL-Ausgabe zur „Lage der Nation“, ein wegen der Sommerferien wohl vorproduziertes Sommerheft mit wenigen aktuellen Artikeln und viel genereller Langweilerei und Geschichten von den „Menschen da draußen“. Mein Ärger war jedoch nur von kurzer Dauer, weil Giannina und ich und auch David und Alyssa und Juliette und ungefähr noch ein dutzend anderer Freunde und Bekannte aus der ebenfalls im Sommerloch siechenden Modebranche zugesagt hatten, auf einem Flohmarkt im Wedding Teile unserer ohnehin viel zu üppigen Garderobe zu verkaufen. Wir trugen also kistenweise Jeans und Pullover und Turnschuhe und Anzüge und Mützen ins Auto und fuhren dann in den Wedding. Der Kleiderladen „Kauf dich Glücklich“ hatte zu seinem 15. Geburtstag, der nun war, zu diesem Flohmarkt geladen und uns hatte man mit veganen Hot Dogs und der Aussicht gelockt, dass an unserem Stand auch ein DJ-Pult stehen würde, an dem wir ein bißchen auflegen dürften.

Zu meiner großen Freude verkauften wir fast alles, was wir dabeihatten, und das, was wir nicht verkauft hatten, nahmen am Ende dann ein paar an den Ständen rumstreunende Kinder mit. Mein Kleiderschrank ist jetzt zwar immer noch sehr voll und die Rückwand ob der Massen immer noch rausgebrochen, aber ein Anfang war getan und ich habe endlich auch mal wieder einen groben Überblick über das, was ich so an Klamotten besitze.

Das eigentliche Highlight des Nachmittags war aber selbstverständlich unser DJ-Set, das ich mit Jimi Jamisons „I’m Always Here“, also mit dem Titelsong von BAYWATCH begann, und dessen weiterer Verlauf damit für jeden Kenner absolut klar sein sollte: Hits, Hits, Hits! Gelernt hatte ich das bei meinem Freund Tim Peters, der mir das Lied erst neulich auf meinen USB-Stick geladen hatte. Es war ein großes DJ-Set und das Publikum ging so gut mit, wie es eben möglich war, an den Sperrholztischständen, hinter Bergen gebrauchter Klamotten und ausgelatschter Schuhe, dem ganzen Elend der Fast Fashion-Industrie, der Blogger-Seeding-Hölle und unserer schnellstlebigen Trendnachrennerei. Ich empfand es als meine Pflicht, dieser Vorhölle den ewigen Hit von BAYWATCH entgegenzusetzen, dieser Serie also, in der es nie um Klamotten ging, weil alle quasi immer das Gleiche anhatten oder gar nichts.

Am Abend hatte dann die Kingsize Bar zum letzten Tanz geladen und es war klar, dass es voll werden würde. Als Giannina und ich dann gegen ein Uhr des Nächtens dort ankamen, wenige Meter von unserem Zuhause entfernt zwar, aber wir hatten noch etwas in einer anderen Bar getrödelt, stand bereits ein großer Pulk abschiedsnehmender Gäste vor dieser kleinen Kneipe, die aus nicht viel mehr bestand, als einer langen Bar, einem Toilettenvorraum und den beiden wichtigen Toiletten.

Über die Kingsize Bar möchte ich an dieser Stelle gar nicht allzu viel schreiben, genug ist eigentlich schon gesagt worden und als man mich neulich bat, einen Text für ein Buch über diese Bar zu schreiben, hatte ich ja auch schon abgelehnt. Was sollte ich also jetzt groß schreiben. Ich habe hier dutzende, vielleicht hunderte Nächte verbracht, mit Quid Haden arbeitete hier einer meiner besten und ältesten Freunde und am schönsten war es eigentlich immer, wenn ich in die Bar kam, bevor die anderen Gäste kamen und es noch leer war und man den Geruch der vergangenen Nächte aber noch gut riechen konnte und wusste, was wieder passieren würde und genau das passierte dann auch: der komplette, verschwitzte Nachtlebenwahnsinn, wo sich auf so wenig Platz ein unglaublicher Möglichkeitsraum ergibt, in dem man Stunden verbringt und es immer noch so viel zu entdecken gibt. Und einige Male habe ich hier wohl auch schon auf der Bar gestanden und einmal bin ich wie ein geisteskranker Balletttänzer durch den Raum gewirbelt, die Musik war ja auch sehr gut, und oft habe ich aber auch einfach nur an der Bar gesessen und getrunken und natürlich immer auch stundenlang gelabert, weil es besonders dort immer ganz viel zu erzählen gab, Freunden und Fremden, die dann auch was zurückerzählt haben, was manche zur Überhöhung dieser Bar als soziale Plastik verleitet hat, wo sie doch dann ganz sicher manchmal auch eine soziale Müllkippe war, mit all den Resten und dem Schmutz der Nacht, der sich hier verfangen hatte. Toll war es ganz oft, toll, toll, toll. An diesem Samstag jedenfalls, dem letzten Abend dieser ganz sicher legendären Bar, soll eine tote Ratte vor der Toilette gelegen haben und ich nehme dies als Zeichen und bin sehr froh, nie wieder dorthin zu müssen, wo jetzt tote Ratten übernommen haben. Es war meine Lieblingsbar und jetzt gibt es sie nicht mehr und als ich heute morgen gegen elf Uhr noch einmal vorbeiging, um Tschüss zu sagen und Quid in den Arm zu nehmen und auch Frank, den nicht minder legendären Türsteher und zuletzt auch Besitzer, habe ich noch einen letzten Mimosa getrunken und war gar nicht wehmütig und nun bin ich es ein bisschen, obwohl es gut und richtig ist, das Dinge zu Ende gehen.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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