KW-32 2017: Was gewesen ist

Während ich also in Italien saß und die Woche so süß begann, wie eine Woche nur beginnen kann, laß ich auf Twitter und in den deutschen Medien, wie alle sauer waren auf den FDP-Politiker Christian Lindner und das nicht etwa, weil er sich in seiner aaligen Wahlkampagne so wahnsinnig zeitgemäß und stylish gibt, sondern, weil er die Landnahme der Russen auf der Krim als “dauerhaftes Provisorium” sehen möchte. Lindner würde daher die Sanktionen gegen Russland gern lockern, was ja auch ganz im Sinne der deutschen Wirtschaft wäre. Auf die Erfüllung des Friedensabkommens von Minsk würde man nicht warten sollen. Und wer handeln kann, der braucht ja auch nicht unbedingt Frieden.

So kam es dann auch, dass meine Woche, die weiterhin so süß war, wie sie nur sein kann, schließlich lag ich größtenteils am Meer, am Pool, in Lesestühlen und auf Booten an der Amalfi Küste und las und trank rosé-farbenen Wein, der, so erzählte mir meine Freundin Linda, die uns auf Capri besuchte und sich in dieser Materie sehr gut auskennt, erfunden wurde, um Wein für Frauen attraktiver zu machen, wegen seinem leichten Geschmack und der tollen Farbe, abermals kurz verdunkelt wurde, durch die Medien, die da berichteten, dass der amerikanische Präsident Donald Trump den piesackenden Nordkoreanern sehr offen mit einem Krieg, der nichts anderes als ein Vernichtungskrieg sein würde, gedroht hatte, mit “Fire and Fury”. Und es war ohnehin sehr heiß an diesem Tag, also sprang ich mit Anlauf von unserem kleinen Holzboot, das wir gemietet und mit dem wir die Insel Capri umrundet hatten, und machte eine Arschbombe in das klare, kühlende Wasser, denn was hätte ich auch sonst tun können.

Giannina und ich verbrachten unsere Tage also auf sehr angenehme Art und wären die Medien nicht gewesen, mit ihren Nachrichten, wäre als das ja gar nicht passiert und alles noch besser.

Gegen Mitte der Woche, einzelne Tage zählte ich schon lange nicht mehr, kamen dann Miky und Linda, unsere weltreisenden Freunde zu Besuch, die grad auf der Durchreise von Frankreich nach Griechenland waren und wir aßen Pasta und tranken Franciacorta in einer Bucht und erzählten uns Geschichten, wie die über die vielen Yachten, die hier vor Capri lagen. Miky ist ja Schiffstechniker auf ebensolchen Yachten und kennt sich deshalb sehr gut auch und er erzählte uns, dass viele Yachtbesitzer erstaunlicherweise ziemliche Pfennigfuchser seien, die Geld sparen wollen, wo sie nur können und deshalb zum Beispiel auch, wie der Schraubenmiliardär Reinhold Würth, der mit seiner 85-Meter Yacht vor der Freiheitsstatue geankert und damit viele Touristen verärgert hatte, denen der Blick auf Lady Liberty verstellt war, ihre Yacht lieber auf dem Meer parken als in einem Hafen, wo sie hohe Gebühren zahlen müssten. Besonders kurios würde es aber bei Second Hand-Yachtbesitzern sein, die sich statt einer neuen 50-Meter Yacht für das gleiche Geld lieber eine gebrauchte 70-Meter Yacht kaufen, weil auch hier die Größe natürlich eine entscheidende Rolle spielt, dabei aber nicht miteinkalkulieren, dass eine Yacht pro Jahr etwa 10-20 Prozent ihres Neupreises an laufenden Kosten produziert. Da ist das Budget dann schnell ausgereizt und man spart eben wo man kann und vor allem am guten Stil.

Auf der Rückreise von Capri, wo ich Zitronen von den Bäumen gepflückt hatte und ganz hervorragend gegessen und es sowieso eine tolle Zeit war und der Wolfsmond über der Insel stand und wir nur beinahe mit der verbeulten gelben Vespa, die ich geliehen hatte und deren Bremsen nicht mehr so gut funktionierten, gegen einen dieser kleinen Busse gerast wären und uns dabei böse Kratzer zugezogen hätten, blieben wir noch eine Nacht in Neapel in einem schönen Hotel direkt am Hafen mit einem Pool auf dem Dach, in den nur durfte, wer eine Badehaube trug – ich also nicht.

In Neapel suchten wir das laut gesammeltem Menschheitswissen beste Pizzalokal der Stadt und damit natürlich der ganzen Welt auf, um ein letztes Mal diese sagenhafte Pizza zu essen, von der wir noch Jahre später behaupten würden, dass sie die beste war, die wir jemals gegessen hatten und dass Pizza in Neapel ja doch ganz anders schmecke als überall sonst und man sie eigentlich nur dort essen könne. Und als wir unseren Tisch dann bekamen, einen guten, an der Wand, neben schwarz-weißen Fotos von Filmhelden aus den 1960er Jahren, bestellte ich aus lauter Übermut das Falsche.

Ich war ein zu hohes Risiko eingegangen und hatte mich gegen den Klassiker entschieden und für das Experiment. Ich hatte mich nicht an Konrad Adenauer gehalten, der auf seinem 1957er Wahlplakat ja selbst aussah, wie ein fieser neapolitanischer Mafioso und es allein deshalb schon hat wissen müssen. Und so bekam ich, es ist der Worst Case schlechthin, das “Fire & Fury” des Essens, eine Pizza ohne Tomatensoße. Das so etwas hier überhaupt möglich sein würde, hätte ich niemals gedacht. Nicht hier, im Land der Tomaten, wo sie so viel besser schmecken, weil sie so viel Sonne bekommen und vielleicht auch weil sie auf illegalen Mülldeponien der Mafia gepflanzt wurden oder warum auch immer. Jedenfalls sind es doch die Tomaten, die die italienische Küche ausmachen, das hatte ich spätestens jetzt und hier auf dieser Reise doch ein für allemal rausgefunden und nun hatte ich eine Pizza ohne Soße aus diesen Tomaten. Ich war zu schwach, um eine andere Pizza zu bestellen und schämte mich und aß mit Tränen in den Augen, auch weil der restliche Belag aus Kapern und Oliven und scharfen Peperoni bestand. Es war ein unwürdiges Ende, aber ich hatte es verdient. Hochmut kommt vor dem Fall und in meinem Fall war dieser tief.

Auf dem Rückflug von Neapel nach Berlin las ich den schönen Text von Peter Richter in der Süddeutschen Zeitung, der ja ein Liebebrief an Air Berlin ist, die ihm die goldene Vielfliegerkarte geschickt hatten und eben auch die, die mich pünktlich und ohne Komplikationen nach Hause brachten, nach Berlin, wo es regnete und ich Italien und die Sonne noch auf dem Rollfeld vermisste, nicht aber die Pizza ohne Tomatensoße.

Und am Wochenende drehten dann in den USA auf einmal einige Nazis durch und ich stand in einem dieser identitätslosen Holzlatten-Open-Air-Techno-Clubs im Osten der Stadt und feierte den Geburtstag einer Freundin und während es nieselte sang ich leise das Lied “Capri Fischer” von Rudi Schuricke und der Bass, den der DJ John Talabot aufgelegt hatte, drückte dagegen an und gewann. Hier war ich also wieder: in Berlin. Und Italien nur noch eine Sehnsucht, wie sie es schon in den 1950er Jahren gewesen war, als der Marshall Plan der Amerikaner das Wirtschaftswunder brachte und den bösen Deutschen erstmals Urlaubsreisen ans Mittelmeer ermöglichte. Und damit auch mir.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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