KW-36 2017: Was gewesen ist

Es war ein guter Montag, denke ich jetzt, wo der auch schon wieder einige Tage zurückliegt. Ich war mit David nach Amsterdam geflogen, um mir dort die neue Werbekampagne der Modemarke “Scotch & Soda” anzuschauen und nachdem ich das gemacht hatte, gingen wir mit einigen Journalisten und Bloggern in einem sehr guten Restaurant essen – und wer es genau wissen will, lese bitte hier. Genau weiß ich nicht mehr, was es zu essen gab, es war jedenfalls sehr modern und bei manchen der vielen Gängen waren auch Blumen dabei und alles schmeckte so gut, wie es selten gut schmeckt. Vielleicht war dies eines der besten Essen meines bisherigen Lebens gewesen, in jedem Fall aber war es ein guter Start in die Woche.

Am Dienstag schaute ich mir noch das Foam an, ein bekanntes Museum für Fotografie an der Keizersgracht, in dem eine beeindruckende Werkschau von Gordon Parks zu sehen war, dem ersten schwarzen Fotografen, der für das LIFE Magazin fotografiert und der darin brutale Alltagsszenen aus dem Harlem der 1940 bis 1970er Jahre dokumentiert hatte. Einige von Parks’ Bildern waren übrigens auch die Vorlage für Szenen in Kendrick Lamars “Element” Musikvideo, das der Berliner Regisseur Jonas Lindstroem Anfang dieses Jahres gedreht hatte.

Nachmittags flog ich zurück nach Berlin, um mir dort den von Zeit-Magazin-Chef Christoph Amend moderierten Talk zwischen dem Fotografen Andreas Mühe und dem Autoren Florian Illies in der Galerie Carlier & Gebauer anzuhören. Ich verstand allerdings nicht viel, weil es keine Soundanlage gab, die die Stimmen hätte verstärken können und weil ich sehr weit hinten stand, ich war ja gerade erst gelandet und direkt vom Flughafen eben ein bisschen zu spät gekommen, und ich verstand auch nicht, warum Florian Illies erzählte, dass er Pathos in jedweder Form kaum aushalten kann, er die maximalpathetischen, düsteren Bilder von Andreas Mühe, der Kanzler fotografiert hatte, Rügen, die Zugspitze und alles deutsche, nun aber in einem gemeinsamen Bildband mit Texten aus seinem Buch “1913” verbunden hatte.

Nach dem Talk stand ich noch ein wenig vor der Galerie und traf meinen lieben Freund David Baum, der nun in Hamburg lebt, weil er dort für den Stern schreibt. David sagte mir dann, als er mich sah und auch seinen ehemaligen GQ-Kollegen Simon Lohmeyer, wie wir da standen und graue Haare bekommen hatten, ich sei gut gealtert, “so Mastroianni-mäßig, Visconti-haft, wie bei Truffaut”. Und so alt war ich dann eben doch nicht, als das mir das auf Anhieb was gesagt hätte, also googelte ich die Herren später am Abend und fand sein Urteil dann durchaus schmeichelhaft. Es ist ja ohnehin total schön älter zu werden und auch so auszusehen.

Den Mittwoch und den halben Donnerstag verbrachte ich mit Spiegelungen meiner selbst, dem Blick nach Innen und ich fand nichts. Toll!

Am Donnerstagabend besuchte gemeinsam mit David das Atelier beziehungsweise die große Kunst-Fabrik des höchstfreundlichen dänischen Künstlers Olafur Eliasson im Prenzlauer Berg. Eliasson hatte uns eingeladen, weil er über sein Lampenprojekt “Little Sun” reden wollte und hatte seine neue Solarleuchte “Diamond” vorgestellt. Mit “Little Sun” möchte er Licht ins dunkle Afrika bringen, in die Hütten der Schulkinder, die dann auch abends noch ihre Bücher lesen können und nicht mehr mit gefährlichen Petroleumlampen leuchten müssen, die giftige Dämpfe ausstoßen und manchmal auch umfallen und dann alles in Brand setzen. Es ist ein gutes Projekt, dachte ich, als ich durch die hohen Hallen von Eliassons Studio strich, geräuschlos an den vielen Mitarbeitern vorbei und meinen Blick schweifen ließ von einer Lichtinstallation zur nächsten und hin zu Plänen und Fotos von ganzen Gebäuden, die der Künstler mittlerweile plant und baut. Und wie ich so nachdachte, über dieses gute Projekt und den großen Menschenfreund Eliasson, diesen vielleicht freundlichsten Mann der Welt, wünschte ich mir, dass wir alle mehr wären, wie er und ich doch bitteschön auch. Erleuchtet ging ich aus dem Studio, man kann es nicht anders sagen, beziehungsweise könnte man, aber was würde das bringen.

Abends war ich zu einem Baustellen-Dinner eingeladen, in den neuen Räumen der “Factory”, unglaublich vielen und unglaublich großen, in Kreuzberg, wo bald schon dutzende Start-Ups ihr Geschäft machen werden. Und ich war froh, dass es noch keine Aufzüge gab, in denen man mir Projekte hätte pitchen können. Das hatte schließlich schon Olafur Eliasson getan, wenige Stunden vorher.

In der König Galerie wurde am Freitagabend die Ausstellung von Norbert Bisky, dem neuesten Galerie-Zugang, gefeiert und weil ich ohnehin in der Nähe war schlitterte ich mit meinem Elektroroller kurz mal hin und blieb dann doch lang. Die Galerie war genauso rappelvoll wie immer und alle schauten sich die bunten Bilder an, während ich mich in Hinterzimmergesprächen übte, mit meinen Freunden Rafi Horzon und Timon Kaleyta, und wir natürlich über die anstehende Bundestagswahl sprachen. Irgendwann mussten Rafi und ich dann dringend los, weil wir doch Conny Opper versprochen hatten, in der Bar seiner Freundin aufzulegen und so fuhren wir von Kreuzberg nach Mitte und parkten direkt vor der Tür der Bar in der Chausseestraße 131, in dem Haus also, in dem einst der Dichter Wolf Biermann gelebt hatte.

David kam dann auch dazu und als der Laden voll war, es muss gegen 23.30 Uhr gewesen sein, spielten wir “Football’s Coming Home” als erstes Lied und das gleich vier mal. Es wurde ein magisches DJ-Set und irgendwann war die Luft so knapp, dass wir aufhören mussten und wir rannten nach draußen und alle wunderten sich, warum die Musik auf einmal weg war. Aber so war es nunmal und es ging nicht anders.

Am Samstag war die Einschulungsfeier meiner Freundin Jade, die in einem schönen Wohnhaus an der Rummelsburger Bucht gefeiert wurde. Giannina und ich kamen als allerletzte Gäste erst gegen neun Uhr abends an, wofür wir uns wort- wie gestenreich entschuldigten: der Verkehr, ihr wisst ja! Die Stimmung war ausgelassen und gut und alle tanzten um die Schultüte. Es war die erste Einschulungsfeier meines Lebens und wenn alle so wild sind, hoffentlich nicht meine letzte.

Abermals musste ich früher gehen, als ich wollte, diesmal, weil ich in der Nacht von Samstag auf Sonntag noch an einer Podiumsdiskussion in der Berghain Kantine teilnehmen sollte. Einige Berliner Galerien hatten sich zusammengetan und einen 46-stündigen Power-Talk initiiert und gegen 0.00 Uhr sprach dann mein Freund Paul Ronzheimer, den wir auf dem Weg noch aufgelesen hatten, zu seinem Lebensthema “Borders & Lines”. Im Anschluss war dann unter anderem Adidas-Kreativchef Dirk Schönberger dran, der zu dieser späten Stunde den ziemlichen Hammer sagte, dass er glaube, es kämen zu viele Produkte auf den Markt, in allen Bereichen aber eben vor allem auch im Turnschuhgeschäft, und außerdem, dass dieser ständige Mega-Output bald ein Ende haben wird. Und während diese These hier in der Nacht etwas unterging, wäre sie an einem anderen Ort gesprochen und zu einer anderen Zeit, sicher eine veritable Nachrichtenmeldung wert gewesen und vielleicht auch börsenkursrelevant.

Gegen 2.30 Uhr war dann meine Talkrunde an der Reihe und ich sprach mit dem Regisseur Tom Tykwer und der Barbetreiberin Rebecca über die Nacht als Möglichkeitsraum, Berlin, Hedonismus, Freiheit und Toms nun fertig gedrehte Serie “Babylon Berlin”, in der es um die aufregenden 1920er Jahre in dieser Stadt geht. Ich weiß gar nicht mehr, worauf wir uns genau verständigten und vielleicht haben wir auch alle einfach nur Anekdoten erzählt, aber so ist das nunmal mit der Nacht: am nächsten Tag ist vieles verschwommen oder ganz weg – und das ist im Zweifel genau richtig so und möge bitte niemals anders sein. Der Hedonismus lebt vom Vergessen.

Dieser wöchentliche Rückblick ist also streng genommen ein ziemliches Unding. Ich sollte es lassen.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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