KW-5 2017: was gewesen ist

Die vergangene Woche begann damit, dass ich mir überlegte, ob wir als nächstes Design-Teil nicht vielleicht eine goldene Geldklammer herausbringen sollten, um möglichst viele Leute zu verärgern. Einen praktischen Nutzen sollte diese Spange allerdings auch haben: so könnte ich endlich Ordnung in mein ohnehin viel zu kleines Portemonnaie von Comme des Garcons bringen. Dann nämlich würde ich nur noch die Karten und Quittungen im Portemonnaie aufbewahren, das Kleingeld, wie gewohnt, in der rechten vorderen Hosentasche und die wenigen Scheine eben in der Klammer.

Dieser Gedanke trug mich durch den Tag und abends landete ich plötzlich und etwas unvorbereitet, also hungrig, auf einem Empfang zu Ehren des neuen Joop!-Parfüms im West-Berliner Hotel “Das Stue”. Dort trieben sich allerlei Blogger und andere Leute rum, die an einem Montagabend nichts besseres zu tun hatten, als Cocktails zu trinken und an Düften zu riechen, vor allem also Singles.

Am Dienstagmorgen brachte mich ein Amstgang auf die Idee, mir nun doch endlich einmal die Doku “Der NSU Komplex” anzuschauen. Zum einen, weil der “Bader-Meinhof-Komplex”-Autor Stefan Aust diese Doku quasi im Schnellschuss und damit vor Ende des Zschäpe-Prozesses rausgehauen hat, wohl um weiterhin die Deutungshoheit in Sachen Terrorzellen zu behalten, zum anderen, weil die Geschichte natürlich total wahnsinnig ist. Und genau das zeigt die Doku dann auch, in der ein aalglatter Profiler eben auch nicht so recht weiterweiß, so wie wir alle.

Abends besuchte ich zusammen mit Gia das Konzert von “The Temper Trap”, der Band unseres Freundes Dougy. Die Show war gut und erinnerte an die großen Zeiten der Rockmusik, die bekanntlich längst vorbei sind. Im Backstage-Bereich saßen nach der Show dann bezeichnenderweise auch keine toupierten Groupies sondern ein Hirnforscher. Wir tranken viel, sprachen über vieles, fuhren in Dougys Kreuzberger Wohnung, die wegen der Europatour seiner Band nun wochenlang leer steht und vergaßen auf dem Weg in die Lugosi-Bar, dass wir doch eigentlich zum Launch-Event der Plattform “noizz.de” gehen wollten, die zeitgleich einige hundert Meter weiter in Kreuzberg stattfand. Dabei hatte man mich doch noch mit der kühnen Behauptung gelockt, “noizz.de” höre Musik lauter als “bento”, nähme aber weniger Drogen als “vice”. Nun gut. Im Nachgang habe ich dann ein paar Fotos des Launchs gesehen und nicht das Gefühl gehabt, etwas verpasst zu haben.

Im Laufe dieser doch recht wilden Nacht hatte ich scheinbar spontan zugesagt, am darauffolgenden Tag einen Vortrag zu halten, vor 17 Marketing-Managern von PUMA, die aktuell in Berlin tagten. Dieser Tag war der Mittwoch und ich hatte einen ziemlichen Helm auf. Ich kämpfte mich also durch dreißig Minuten Frontalvortrag und fünfzehn Minuten Publikumsfragen. Der Anfang war brutal, aber irgendwann kamen die Zuhörer und ich in einen guten Groove, sodass letztlich dann doch wohl alles passte. Die PUMA-Party am Abend sagte ich dann vorsorglich aber doch gar nicht erst zu. Genauso wie ich das Event von Ellen von Unwerth skippte, die ebenfalls an diesem Abend ihre neue Kampagne für den Autohersteller OPEL präsentierte. Ich schaute derweil den “NSU Komplex”.

Am Donnerstag war der erste Arbeitstag unserer neuen Praktikantin Angelika und wir legten einen wunderbar unmodernen Bürotag hin. Abends verlieh die Champagnerfirma MOET & CHANDON im Umspannwerk Preise an Filmmusikkomponisten und ich ging hin, weil ich doch so gern Champagner trinke. Es hätte alles so schön sein können, doch leider hatte MOET beschlossen, während der Verleihung keinen Champagner zu auszuschenken. Die drei, vier Gläschen, die ich im Vorraum getrunken hatte, verflogen und die Luft wurde dick. Die zähe Moderation irgendeiner Janine, die ein Top von MARINA HOERMANSEDER trug, darin aber ebenfalls keine gute Figur machte, half auch nicht weiter. Wir mussten gehen. Außerdem hatte mein Freund Tim Peters ohnehin in das neue Restaurant ROSE GARDEN geladen, in dem wir nun das Abendmenü probierten. Wir sollten es nicht bereuen: das Essen war wirklich gut und ich sprach kurz mit dem Gründer einer Kunst-App über die Möglichkeiten preiswerte Kunst zu verkaufen und dann darüber, dass er einmal eine private Insel habe kaufen wollen. Das, dachte ich mir, ist also Berlin im Jahr 2017.

Den Freitagnachmittag verbrachte ich bei meinem Freund Rafi, dem Geschäftsführer von HORZONS WANDDEKORATIONSOBJEKTE. Wir besprachen und terminierten, was wir in diesem Jahr noch alles zu tun hätten. Gleich drei große Projekte stehen an, zu denen ich gar nicht allzu viel sagen kann, um ihnen nicht die Wucht zu nehmen, mit der sie ganz sicher einschlagen werden. Im vergangenen Jahr war ich mit Rafi kurz in Aserbaidschan, um dort endlich das erste Wanddekorationsobjekt zu verkaufen. In diesem Jahr fokussieren wir uns ganz auf den Heimatmarkt, besprachen wir bei Bratnudeln und einem Glas Wasser aus der Leitung.

Abends ging ich nicht auf die Ausstellung von Anselm Kiefer hier ganz in der Nähe. Stattdessen traf ich meinen Freund Quid Haden zum Abendessen im so genannten “Schnitzelpuff”, dem Restaurant Mutzendbacher in Friedrichshain. Wir saßen und aßen vier Stunden und grüßten kurz rüber zu Bent Angelo Jenssen, dem Herrn von Eden, der nur zwei Tische weiter saß. Nach dem Essen fuhren wir nach Mitte, ich brachte Quid um Punkt null Uhr achtzehn in die Kingsize-Bar und der Abend war gelaufen.

Am Samstag traf ich meinen Freund, den Journalisten Moritz von Uslar, zum Mittagessen und wir gaben uns gegenseitig unsere Weihnachtsgeschenke, weil wir uns seither nur einmal kurz auf unserer Fashion Week-Party und der vom Zeit Magazin gesehen hatten. Moritz schenkte mir ein Buch des britischen Fotografen Nick Knight, in dem er den Stil der Skinheads zeigt und beschreibt, ich schenkte Moritz einen Pullover aus unserer “Deutschland Pack”-Kollektion und eine goldene Halskette mit dem Schriftzug “Carl”. Wir sprachen über Doppelkopf und das Leben und verabredeten uns zum Boxen, aber vorsichtshalber erst in zwei Wochen, weil wir beide noch nicht so richtig fit seien. Quasi bei der Verabschiedung empfahl Moritz mir noch das West-Berliner Lokal “Diener”, in das Giannina noch am selben Abend ausführte. Wir tranken einen fuseligen Weißwein und fanden es ganz wunderbar dort, in dieser Kneipe, die einst der Boxer Franz Diener betrieb, der den schönen Satz sagte: “Beim Boxen ist es wie in der Liebe, man muss den Gegner da treffen, wo es weh tut.”

Später am Abend ging ich mit Giannina auf die Geburtstagsfeier des Fliegenkönigs Jan Henrik Scheper-Stuke, die sein Onkel und Geschäftspartner Günter H. Stelly für ihn in seiner privaten chinesischen Kunstsammlung ganz weit im Westen Berlins ausrichtete. Zwischen chinesischen Vasen, großformatigen Gemälden und operierten Westberlinerinnen gab es sehr viel Champagner. Meine Freundin, die Kuratorin Nadine Barth, die ich schon viel zu lange nicht gesehen hatte, erzählte mir, dass sie von Kreuzberg in den Wedding gezogen sei, es dort aber nichtmal ein anständiges Café gäbe, in dem man Samstags die Wochenendzeitung lesen kann. Das also, dachte ich mir, hatte ich heute vergessen: Zeitung zu lesen. Ich wusste schlicht nicht, was passiert war, in der Welt und befahl mir selbst, das am kommenden Tag nachzuholen. Dann trank ich noch einen Champagner und schnappte im Treppenhaus etwas Luft.

Weil die Anselm Kiefer-Ausstellung am Sonntag geschlossen hatte, besuchte ich mit Giannina die ständige Ausstellung “Topographie des Terrors”, die den NS- und SS-Terror in einer eher klassischen Foto-und-Text-Ausstellung zeigt. Wer das, dachte ich, mit den ersten Trump-Wochen im weißen Haus vergleicht, hat gar nichts verstanden.

An den Resten der Berliner Mauer, dort wo einst das Hauptquartier der SS stand, aß ich eine vegane Currywurst und die Sonne ging unter. Zeit, nach Hause zu gehen.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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