KW-51 2017: Was gewesen ist

Noch ganz beseelt vom Dancefloor-Jazz vergangener Tage, den ich nun aber weit hinter mir gelassen hatte, startete ich, wie es gewohnheitsmäßig doch wohl alle tun, mit dem Montag in die Woche. Ungleich allen, feierte ich an ebendiesem Montag jedoch meinen Geburtstag und mit mir taten es hoffentlich auch solch besondere Geister wie der trinkende Fußballer Mario Basler, die Schauspieler Ray Liotta und Brad Pitt, der Wrestler “Stone Cold” Steve Austin, die sehr unterschiedlichen Gitarristen Keith Richards und Uli Jon Roth, der Architekt David Chipperfield und leider nicht mehr der Altkanzler Willy Brandt. Ich fand und finde mich in bester Gesellschaft, dachte ich und dachte, wie jedes Jahr um diese Zeit, darüber nach, welchen Einfluss der Mond, meinetwegen auch die Sternzeichen, jedenfalls irgendwas da oben, auf das Leben hat, kam zu keinem Ergebnis, tröstete mich damit, dass der Mond doch auch Ebbe und Flut machen würden, sich also das Meer und damit die Welt untertan, und wohl auch mich, der ich doch zu großen Teilen aus Wasser bestehe, und ich drehte mich noch einmal um, zog die Decke ins Gesicht und schlief noch ein kleines bißchen länger, weil es doch ohnehin keinen Unterschied machte.

Ansonsten las ich und aß, während sich Giannina besonders schick machte, sie hatte sich immerhin, weil doch mein Geburtstag war, ein besonders schönes Kleid in Leopardenmuster gekauft, mir zu Ehren, versteht sich, und kämmte sich nun die Haare.

Als die Sonne schon untergegangen war, es muss etwa um die Zeit meiner Niederkunft vor 33 Jahren gewesen sein, fuhren wir in die Zigarrenbar des Savoy Hotels in Westberlin und tranken Sours ohne Eiweiß und die anderen Gäste in dieser schönen Bar, die viel älter waren als wir, dicker und mehr Mann, hielten uns für Yuppies oder Stricher oder je nur eins von beidem und sie waren wohl gut unterhalten.

Pünktlich um drei Minuten vor acht gingen wir die wenigen Meter hinüber zur Paris Bar, in der Giannina eine den Umständen entsprechend nicht mehr ganz geheime Überraschungsfeier für mich organisiert hatte, mit meinen gut zwanzig allerengsten Freunden, einer langen Tafel, viel Wein und Essen, Bieren und Schnäpsen. Es war ein schöner Abend und er ging lang, weil er so schön war, und wir alle nicht wollten, das er endet und so endete er tatsächlich erst am darauffolgenden Tag, als die Sonne schon wieder unterging und langsam alle müde waren. Es hätte nicht anders sein dürfen und die rührende Rede meines Freundes Tim liegt mir noch heute seidig in den Ohren.

Da ich am Anfang der Woche ja nun älter geworden war und das auch noch zwei Tage lang, ging ich am Mittwoch ins Krankenhaus um planmäßig schauen zu lassen, wie lang ich noch leben würde. Und da ich neulich erst las, dass der kluge Johann Wolfgang von Goethe einst sagte: „Nur die Gesundheit verdient, remarkiert zu werden.“ und er über seine Gebrechen nie sprach, nichtmal über seine hypochondrischen, heißt das, ich bin bis zum Beweis des Gegenteils gesund, denn hier steht es.

Die weiteren Tage der Woche verbrachte ich mit nicht weiter spannenden Tätigkeiten, wie Vertragsverhandlungen fürs kommende Dandy-Jahr, dem Umzug meines Freundes Tim Peters, den wir wie in Studententagen höchstselbst und eher unvorbereitet unterperformten, einer Polizeikontrolle und dem üblichen Slalom durch weihnachtseinkaufende Menschenmassen. Die Abende ließ ich in der neuen “Torbar”, die im Februar des kommenden Jahres ein ganzes Restaurant werden soll und zwar eins vom Schweizer Konzeptkünstler und Yello-Musiker Dieter Meier, in der Bar des Pauly Saals, der wohl schönsten in Mitte, und an der Bar des Grill Royal ausklingen, um mich schon dann von Weihnachten zu erholen.

Noch schnappatmend von den letzten Einkäufen sprang ich am Samstag auf den schon fahrenden ICE auf, in dem Giannina schon ungeduldig saß und fuhr mit ihr zu ihrer Familie nach Bielefeld. Weil die Bahn schon seit Tagen “Reisehinweise” ausgesprochen hatte, die eher Reisewarnungen glichen und in ihrem Sound angsteinflößender klangen, als manche Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, hatten wir zwei Plätze reserviert und waren den schlimmsten Verteilungskämpfen so entkommen und bald in Ostwestfalen.

Traditionell verbringt man dort den Abend vor dem heiligen Abend eher unheilig auf dem Weihnachtsmarkt und in diversen Restaurants und Bars der Stadt, jedenfalls tut Giannina das und ich also nun auch, und ich unterhielt mich mit allen Heimkehrern, die mittlerweile hier Medizin und dort die Wirtschaft studierten, und alle ein Leben fern der Heimat anstreben und sich hier nur noch einmal im Jahr treffen und einander davon berichten. Und einer erzählte mir, er studiere Informatik in Kopenhagen, aber eigentlich nur über YouTube, weil da alles besser erklärt würde und die Klausuren und Hausaufgaben würde man ohnehin zu Hause schreiben und dann nur einen Programmier-Code an den Dozenten schicken und alles was er nicht verstehe, würde ihm sein Mitbewohner, ebenfalls Informatikstudent, beibringen, weil auch der es besser könne, als jeder Professor und wir verständigten uns, es muss gegen halb vier Uhr morgens gewesen sein, in der Nacht vor Heilig Abend, darauf, dass das doch wohl die Zukunft des Lernens sei, wenn nicht sogar, und in seinem Fall zumindest natürlich, die Gegenwart. Dass ich im Studium die leb- bis boshaften Diskussionen in kleinen Seminaren am meisten geliebt hatte, traute ich mich ob dieser revolutionären Aufbruchsstimmung nicht zu erwähnen.

Und dann war Weihnachten und ich hatte einen Kater.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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