Matejcek vs. Schatzsucher

Es ist ja so: wenn man auf eine Modeschule geht, dann sollte man eigentlich auch über Mode schreiben – und nicht über Scientologen oder Schönheitschirurgen. Der dänische Philosoph Soren Kierkegaard hat aber gesagt, dass alles Mode ist: Gottesfurcht und die Liebe und die Krinoline und ein Ring in der Nase sowieso. Demnach sind auch Vorbilder eine Frage der Mode. Die zu Maßstäben gewordenen Menschen wechseln aber nicht so oft wie die Kleidung auf dem Laufsteg. Zumindest ist das in den letzten Jahren der Fall. Da scheint vor allem eine Silhouette besonders en vouge zu sein, die des Managers. Und genau aus diesem Grund will Peter Kempe nichts mehr mit Mode zu tun haben.

Schade eigentlich, denn früher bedeutete ihm Mode alles. Mit zehn war er das erste Mal in Paris. Mit vierzehn schrieb er einen langen Brief an Karl Lagerfeld. In dem Schreiben bat der kleine Kempe den Modezaren, ihn doch bitte auf eine Schau einzuladen. Das tat Lagerfeld auch, seitdem sind die beiden Norddeutschen gute Freunde und Peter, heute 42, mindestens viermal jährlich in der Stadt an der Seine. Längst aber nicht mehr wegen dem Modezirkus. Den Job als Einkäufer eines großen Münchener Kaufhauses hat Kempe schon vor 15 Jahren an den Nagel gehängt. Wann? „Als es nur noch um das Konsumieren ging. Nur noch darum irgendwelchen Scheiß auf den Markt zu werfen und sich darüber totzulachen, dass die Leute das für teures Geld kaufen.“ Kempe nennt das den Marc-Jacobs-Effekt. „…sich Drogen ziehen, hässliche Sachen aus dem Secondhandshop holen und ein 5000-Euro-Preisschild dranhängen. Alles nur noch Geschäftemacherei!“ Das findet Peter, der so gerne Haute-Couture-Kleider sammelt, wie Bulimie-kranke Mädchen Pizza essen, zum kotzen und deswegen musste er aus der Branche weg. Heute hat der Hamburger einen kleinen Laden mit exquisiten Produkten, eine Glatze, eine Brille, einen Bauchansatz, ist schwul und nach eigener Aussage, wahnsinnig glücklich. Das machte mich neugierig.
Lieber Herr Kempe, als Siebenjähriger wollten Sie nicht zur Schule, nicht aus ihrem Kinderzimmer raus. Sie hatten Angst, dass damit ihre sorglose Zeit enden könnte. Heute haben Sie sich mit ihrem Laden ein Kinderzimmer für Erwachsene geschaffen. Sich den eigenen Mikrokosmos aufzubauen – ist das der Weg zum Glück?

Kempe: So ist das, eins zu eins. Ich muss mich nicht verstellen, ich lebe jeden Tag meinen Traum. Ich glaube, wenn man etwas ganz, ganz doll will, dann kann man es auch. Die Liebe ist eine sehr wichtige Zutat. Ein Arbeitsprozess darf nie mühsam sein. Mir geht es darum Vergnügen zu haben – Arbeit macht mir Spaß. Man muss immer ein Kind bleiben, Sachen spielerisch erledigen. Das ist in Deutschland nicht immer einfach. Wenn man hier etwas spielerisch erledigt, dann meinen die Anderen, es wäre nicht richtige Arbeit. Ich bin aber ein sehr harter Arbeiter, erledige meine Sachen allerdings auf eine leichte Weise.

Sie mussten ihr Glück aber auch erst suchen…

Kempe: Mit Ende 20 wurde es in meinem Beruf schwierig. Die Leute um mich herum wollten plötzlich alle diese klassische Karriere machen. „Wofür ist das“, habe ich damals gedacht: „Wenn du jetzt noch ein bisschen höher bist, dann wird die Luft nur noch dünner.“ Ich konnte die Mode nicht, als reines Business sehen. Mir ging es immer mehr um die Geschichte, das, was hinter einem Modehaus steckt. Um meine persönliche Freude an der französischen Haute Couture zu bewahren, musste ich aus dem Job abhauen. Mir war irgendwie mehr danach, meine eigene Welt zu schaffen.

Das ist Ihnen ja gelungen…

Kempe: Ja, zusammen, mit meinem Partner Thomas Kuball.

Heute gehört Euer Laden Kuball & Kempe, neben Colette in Paris und dem Corso Como in Mailand, zu den wichtigsten „Concept Stores“ der Welt. Haben sie eine Kochanleitung für Erfolg?

Kempe: Ich finde, man muss sich die Messlatte immer so hoch, wie nur möglich legen. Die meisten Leute agieren, weil sie besser sein wollen, als ihr Nachbar. Ich wollte aber immer lieber zu der Clique von Yves Saint Laurent gehören als zu der Nachbarsclique. Ein gewisses Niveau darf man einfach nicht unterschreiben. Es ist besser, manche Sachen gar nicht erst zu machen, als sie durchschnittlich zu machen, weil Scheiße – gibt es genug auf der Welt. Ein anderer Punkt ist, dass ich immer gedacht habe, dass man extrem modern sein muss, wenn man etwas vorantreiben will. Nur, ich habe mich immer lieber mit den Wurzeln befasst. Heute weiß ich, dass sich Leute, die die Zukunft prägen, im Prinzip nur mit der Vergangenheit beschäftigen.

Beschäftigen wir uns mal mit Ihrer Vergangenheit. Wie war das damals, als Sie zu Hause gesagt haben, dass Sie schwul sind?

Kempe: Mit zwölf fiel mir auf, dass andere mit irgendwelchen Mädchen „gingen“ und mich das jetzt nicht so wahnsinnig begeisterte. Ich habe sehr, sehr früh bewusst gemerkt, dass ich anders bin. Da meine Eltern oft im Künstlermilieu verkehrten, hatten sie ohnehin schon relativ viele homosexuelle Freunde, deswegen war das bei uns zu Hause nie ein großes Thema. Ich musste also nie für meine sexuelle Orientierung kämpfen.

Auch in der Schule nicht?

Kempe: Nein, ich war ja schon immer ein spezieller Typ, die waren einiges von mir gewöhnt. Jede Ferien fuhr ich per Anhalter nach Paris. Für das Geld, das ich von meinem Vater zur Konfirmation bekam, habe ich mir Klamotten bei YSL gekauft, mein Bruder ein Mofa. Wir sind da irgendwie hineingewachsen – manche sind in eine höhere Handball-Liga  aufgestiegen und ich wurde halt schwul. Das erste Mal in meinem Leben wurde ich bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 diskriminiert. Da wurde mir plötzlich bewusst, dass es vielen so gehen muss. Thomas zum Beispiel hatte einen ganz anderen Lebensweg. Er kommt aus einer Familie, die Fleischereien betrieben hat. Musste selbst Fleischer lernen und es war geplant, dass er die elterlichen Betriebe übernimmt. Als er sich entschieden hat, das nicht zu machen und  zu Jil Sander zu gehe, hat ihm sein Vater noch 50 Tausend Mark geboten, wenn er „hetero“ wird. Also solche Geschichten klingen für mich wie aus einem Märchenbuch.

Eigentlich sind wir heute zusammengekommen, um über Männer zu reden. Ein richtiger Mann muss einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und einen Sohn zeugen. Oder, wie sieht ein Schwuler das?

Kempe: Da ist schon etwas dran. Es ist natürlich eine sehr romantische Vorstellung und ein Mann muss heute ja auch noch Tausende weibliche Eigenschaften haben. Er soll Verständnis haben, leidenschaftlich gerne mit der Frau durch Geschäfte bummeln, auf sein Äußeres achten und den Haushalt schmeißen. Ich glaube, es gibt kein typisches Männerbild mehr.

Und persönlich?

Kempe: Für mich muss ein Mann Ecken und Kanten haben. Er darf sich nicht zum Sklaven seiner Frau machen. In vielen Beziehungen haben Frauen die Oberhand, Männer müssen da einfach funktionieren.

Sind heterosexuelle Männer zu Weicheiern mutiert?

Kempe: Eher zu One-Man-Nutten! Da frage ich mich oft, wie die das aushalten können: die müssen unglaublich viel Kohle nach Hause schleppen; ein großes Auto fahren; die Kinder zu dem erziehen, was die Frau nie sein konnte – ein schlecht gemaltes Rosamunde-Pilcher-Bild.

Und nebenbei noch Karriere machen…

Kempe: Das ist auch so eine schwammige Vorstellung. Ich meine, was ist schon eine Karriere? Ich kann mir eher einen super glücklichen Müllfahrer vorstellen, als einen glücklichen Manager, der bei der Allianz Formulare sortiert. Es können ja nicht alle Generaldirektoren sein. Neulich habe ich auf Arte eine Reportage über einen Fischer an der Atlantikküste gesehen – der hat seinen Beruf geliebt. Er erzählte davon, wie das Fischen von den Gezeiten bestimmt wird und dass man viel Geduld haben muss wenn man einen guten Fang machen will. Geduld hat hier keiner. Interviewen Sie mal einen deutschen Fischer. Da heißt es gleich: „Die EU fischt uns alles weg! Ich werde wohl der Letzte in der achten Generation sein und eigentlich bringt das alles nichts!“ Bei uns sind die Sachen anders aufgestellt, bei uns geht es weniger um das Glücklich-Sein.

Sondern?

„Die wollen hier alle Wohlstand“, mischt sich Thomas Kuball ein: „Einen Stapel Geld und große Autos. Wenn du mit Leib und Seele Atlantikfischer bist und in deinem kleinen Boot herumschipperst, dann ist das doch das Schönste auf der Welt, dann bist du doch glücklich. Die meisten, die in Hamburg Karriere machen, wirken nicht sehr glücklich auf mich – eher Herzinfarkt gefährdet.“

Aber die Sehnsucht, die Welt zu erobern, Spuren zu hinterlassen, das gehört doch zu einem Mann…

Kuball: Die fehlt deutschen Männern aber total. Nach außen hin tun die ganz weltoffen und jovial. Ihre Weltoffenheit reicht aber nur bis Mallorca. Das hat nichts mit Reisen zu tun, sondern mit einem Gedankengang. Wir lieben unseren kleinen, Hamburger Mikrokosmos, Inspiration holen wir uns aber aus der ganzen Welt. Viele sehen das umgekehrt. Die wollen überall hinreisen, müssen alles konsumieren, können es aber überhaupt nicht umsetzen.

Kempe: Ich habe zum Beispiel keine Vorstellung von einem deutschen avantgardistischen Mann. Mir würde ein Franzose einfallen, ein Engländer auch, aber kein Deutscher.

Kuball: In Deutschland gibt es nur Karl Lagerfeld. Das ist ja auch einer der wenigen Deutschen, der wirklich berühmt ist.

Kempe: Stimmt!

Der musste aber nach Frankreich um erfolgreich zu werden…

Kempe: Ich finde deutsche Männer sind nicht mutig genug. Das klassische Männerbild ist der Jäger und Sammler, der die Rotte nach vorne verteidigt und für seine Familie kämpft. Heute sind die meisten Männer Feiglinge, die würden für nichts kämpfen. Vielleicht liegt es auch daran, dass es in unserer Zeit so schwer geworden ist, Positionen einzunehmen. Position zu beziehen, das waren für mich die Grundzüge des Journalismus. Das ist heute von der Chefredaktion verboten. Man hat Angst, dass man keine Anzeigen kriegt, dass sich der Gewinn nicht steigert, dass die Kollegen das kritisieren. Objektivität bedeutet heute breiig zu sein. Bloß keinem wehtun damit man sich alle Türen offen hält. Deswegen leben wir heute in einem Patt-Brei – in der Politik, überall.

Also eine Fürbitte für starke Männer?

Kempe: Jaaa, unbedingt! Früher gab es die. Auch, wenn das teilweise Idioten waren. Leute wie Willi Brand, mit seinem Kniefall in Warschau oder Gorbatschow. Männer, die den Mut hatten Sachen, als erste zu machen. Deutschland braucht wieder mehr Menschen, die sich trauen den ersten Stein zu werfen. Heute warten alle, bis die Kiste mit den Wattebauschen bereit steht. Keiner will mehr Lokomotive sein und das ist etwas, was ich immer schon ätzend fand: fahrenden Zügen hinterherzulaufen. Entweder bin ich die Lokomotive oder ich warte auf den nächsten Zug. Ja, in der Tat, Deutschland fehlen ein paar richtige Männer.

Category: Interview

Von: David

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