Mein 1. Mal: Scientology

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Bei unserem wöchentlich stattfindenden Dandy Diary Meeting kam die Idee auf, dass ich aus meinem VENUS Artikel (hier zu lesen) eine ganze Serie machen könnte. Immer wieder: Mein erstes Mal.

Gemeinsam tranken wir Filterkaffee aus Kaffeebechern, von denen uns Howard Carpendale entgegenlĂ€chelte und grĂŒbelten ĂŒber meine nĂ€chste Mission nach, irgendwer kam dann auf die Idee mich zu Scientology zu schicken. Scientology? Ich, allein, zu einer Sekte?

Je lĂ€nger ich zum Thema recherchierte, desto mulmiger wurde mir. Ich las von „Squirrel Busters“ – die Scientology Aussteigern das Leben zur Hölle machen. Und ĂŒber die Frau von Sekten-Chef David Miscavige, die zuletzt 2005 gesehen wurde. Ich sah mich schon in einem Scientology-Straflager. Oder aber bettelnd in der U8, um mir die nĂ€chste Clearing-Stufe zu finanzieren.

Doch die Dandy Diary Chef-Etage blockte jede EinwÀnde meinerseits ab.

O.K. Nach kurzem Hin und Her und der Überlegung, ob ich ab jetzt ein Pseudonym benutze soll, rufe ich bei der Zentrale an, erklĂ€re stotternd, dass ich an Scientology interessiert sei, mir wird freundlich gesagt, ich könne jeden Tag von 10:00 bis 22:00 Uhr kommen, um mich zu informieren.

Keine 24 Stunden spĂ€ter stehe ich vor der „Church of Scientology“ in Charlottenburg, einem modernen, prestigetrĂ€chtigen GebĂ€ude, welches hauptsĂ€chlich aus Glas und Aluminium besteht. Vielleicht um Transparenz zu symbolisieren? Über dem Eingang thront ein riesiges abgespactes Kreuz. Als ich durch die viel zu kleine DrehtĂŒr trete, muss ich kurz schlucken und ĂŒberlege, wie zur Hölle ich hier enden könnte – nur wenige Tage nachdem ich mein Ruhrpott-Heimatdorf verlassen hatte.

Daniel, der Rezeptionist der Berliner Dependance von Scientology, blonder, langer Pferdeschwanz, in Kurzarmhemd und sicherlich sehr gesunden orthopĂ€dischen Schuhen, begrĂŒĂŸt mich mit einem Handschlag. Er fragt, wie ich auf Scientology gekommen bin, ich erzĂ€hle etwas ĂŒber Sinnsuche und SpiritualitĂ€t.

Daniel möchte mir eine Dokumentation ĂŒber L. Ron Hubbard, dem Sci-Fi-Autor, der Scientology gegrĂŒndet hat, zeigen. DafĂŒr deutet der nicht unsympathische Daniel auf eine Couch, die aus einem trashigen Science-Fiction-Film der frĂŒhen 1980er entsprungen zu sein scheint. Wie alles in diesem GebĂ€ude.

Überall stehen Screens, auf denen man sich verschiedene Scientology-Einsteiger-Dokus angucken kann. Die Doku, stilecht amerikanisch in einer schönen Teleshopping-Ästhetik gehalten, startet.

Eine Stimme, die mich an die Off-Voice von ARTE BeitrĂ€gen denken lĂ€sst, erklĂ€rt im rasanten Tempo, dass L. Ron Hubbard, der jĂŒngste Eagle Boyscout Amerikas, zur Marine ging und alle sieben Weltmeere bereiste, um dann an geheimen buddhistischen Klöstern besondere Heilungsmethoden zu erlernen. Bevor er sein Wissen zur BewĂ€ltigung von traumatischen Erlebnissen in Hollywood anwenden konnte, schrieb er aber noch einige Science Fiction-BĂŒcher.

Die Message: L. Ron Hubbard war ein Superheld. Scientology wĂŒrde, in puncto Promotion Videos ein wenig mehr SubtilitĂ€t sicherlich nicht schaden, so denke ich. Danach fĂŒhrt mich Daniel vor den nĂ€chsten Screen, auf dem ein Info-Video zur „Dianetik“ gezeigt wird.  Hier wird mir am Beispiel eines verwundeten Soldaten noch mal genau erklĂ€rt, wie Leiden mit psychotherapeutischen Mitteln geheilt werden können.

SpĂ€ter frage ich Daniel, wie lange er schon Scientologe ist „Seit 12 Jahren.“ Mit 17 sei er Mitglied geworden und habe inzwischen fast das höchste Scientology-Level erreicht. Ob ich Lust auf einen Persönlichkeitstest hĂ€tte? Na, klar. Kurze Zeit spĂ€ter werde ich in einen Nebenraum begleitet und bekomme die sogenannte Oxford-Persönlichkeits-Analyse mit 200 Fragen vorgelegt. Mit der weltberĂŒhmten „University of Oxford“ hat all das natĂŒrlich herzlich wenig zu tun.

Ich kann mit + fĂŒr Zustimmung, „m“ fĂŒr gelegentlich und – fĂŒr Ablehnung antworten. Das Spektrum der Fragen ist breit gefĂ€chert, von: Schlafen Sie gut? Über: FĂŒhlen sie sich unwohl in der Gegenwart von Kindern? Bis hin zu: Haben sie jemals daran gedacht sich das Leben zu nehmen?

Nach einer guten halben Stunde bin ich mit den Fragen durch, bis der Test ausgewertet ist, darf ich wieder auf dem Sci-Fi-Sofa Platz nehmen, um mir einen weiteren PR-Film reinzuziehen. WĂ€hrend ich ein paar Notizen in mein iPhone tippe, werde ich von Rajid begrĂŒĂŸt, ein Typ Mitte 20, der auf den ersten Blick so gar nicht an diesen Ort passt: Sneaker, Lederjacke – verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig zeitgemĂ€ĂŸer Look – ziemlich locker drauf. Trifft er zufĂ€llig auf mich?

Seit 2007 sei er bei Scientology und gerade dabei, eine Ausbildung zum Erzieher zu beenden. Er sei ganz klassisch am Ku’damm angesprochen worden und bis heute dabei geblieben. Scientology hat ihm, so erzĂ€hlt Rajid stolz, bei seiner Persönlichkeitsentwicklung geholfen.

Dann ist das Testergebnis da. Katarina, eine Dame Ende 50, die mich an meine Grundschullehrerin erinnert, stellt fest, dass ich glĂŒcklich bin und geistig stabil. Doch ab und zu mĂŒsste ich mich mal fĂŒr Aufgaben aufraffen. O.K., so weit, so durchschnittlich. Dann zeigt sie mir ‚Ausreißer’ im negativen Bereich, dazu todernstes Minenspiel, sie meint zu erkennen, dass ich mich nicht gerne binde und meine Mitmenschen an einem zu hohen Maßstab messe.

Ich bin kurz baff, weil ich mir vor kurzem genau das von einer Person anhören durfte, die bestimmt kein Scientologe ist. Katarina holt einen Zettel fĂŒr Kurse aus einer Schublade und markiert einen, in dem es um die Verbesserung von Beziehungen geht. Als ich mein Ergebnis genauer studiere, fĂ€llt mir ganz rechts der Punkt IQ auf. Leider mĂŒsste ich dafĂŒr einen neuen Test machen. Katarina erklĂ€rt, die Kurse könnten auch die Intelligenz verbessern. Ich bin skeptisch. Dann spannt sie noch den Bogen zum „Deutschen Roten Kreuz“, die Leute dort wĂŒrden, wie „Ärzte ohne Grenzen“, mit Scientology zusammenarbeiten. Im Internet finde ich dazu nichts. Ich unterbreche sie, frage, ob ich mich umgucken kann.

Eine kleine, blonde Frau kommt hinzu, und stellt sich als Mia vor und fĂŒhrt mich durch die oberen Etagen, wo sich die KursrĂ€ume aneinanderreihen. Es wirkt wie in einer Schule. Alle Leute, die hier rumlaufen, tragen die typische Clearwater-Uniform. Weißes Hemd mit den obligatorisch kurzen Ärmeln und schwarze Hosen. Sie wirken beschĂ€ftigt.

Mia zeigt mir auch das BĂŒro von Ron. L. Hubbard, der, so erklĂ€rt mir die Scientology-Lady, in jeder „Kirche“ sein BĂŒro habe. Es hat etwas Unwirkliches, fast wie ein Film-Set. Als wir wieder im Aufzug stehen, frage ich Mia, was im Keller ist. Sie lacht. „Die Brain-Wash-Maschine!“

Irgendwie lachen hier alle und sind sehr, sehr persönlich und ja, irgendwie, freundlich. Fake? Real? Ich verabschiede mich und beschließe einen Wein zu trinken. In „Vino Veritas“.

Category: News

Tags: Mein 1. Mal, Scientology

Von: David Kurt Karl Roth

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