Mein erstes Mal: bei Kool Kevin Kühnert

Schon ganz erregt von dem Gedanken, gleich den Stuhlbeinsäger der ohnehin schon kippelnden SPD zu hören, saß ich in der ersten von etwa zwanzig Reihen des „Studio Я“ im Berliner Gorki Theater, ganz rechts außen, noch weiter rechts also als Moritz von Uslar, der links von mir Platz genommen hatte, daneben Quid Haden und Anna Müller, fast schon in der Mitte und damit unmittelbar vor der kleinen Bühne Lisa Feldmann und Christian Kämmerling. Alle waren bis aufs Äußerste gespannt, was uns schon körperlich vom Star des Abends unterschied. Kevin Kühnert war völlig cool.

Das Gespräch stotterte etwas los, auch weil der Moderator, Journalist Jakob Augstein, kleinere technische Probleme mit dem Mikrofon hatte, was eigentlich ja kein Problem wäre, hier aber nun doch, da alles fürs Radio aufgezeichnet werden sollte. Kühnert blieb cool. Er hatte sicher schon schlimmeres erlebt und mit schlechterer Technik gekämpft. Seit Wochen war er schließlich auf Tour, eine Ochsentour vor dem Herrn, um seine Partei, die er „den Laden“ nennt, davon zu überzeugen, nicht mehr mit Angela Merkel in eine Regierung zu gehen, koste es was es wolle, Hauptsache keine Prozentpunkte bei der nächsten Wahl.

Kühnert (28) trug im weitesten Sinne Skate-Turnschuhe von Adidas, eine an der Wade recht enge Blue-Jeans, die oben etwas weiter wurde, was gut zu seinem in der Körpermitte weicher werdenden, angehenden Politikerkörper passte, darüber einen blauen Pullover und eine Frisur, die komplett ohne das auskommt, was Friseure „Produkt“ nennen. Die absolute Unscheinbarkeit. Einzige, kleine Extravaganz: ein modischer Silberring am rechten Ringfinger. In meinem Politikwissenschaftsstudium, auch Kühnert studierte das Fach an den FUs Berlin und Hagen, hatte ich einige solcher Kommilitonen gehabt. Ich erinnere mich an niemanden.

Mit müden, leicht glasigen Augen, es muss aber auch höllisch anstrengend sein, was Kühnert da in den vergangenen Wochen täglich runterrockt, parierte der Juso-Vorsitzende sämtliche Fragen, ohne ähs und mhs und auch ohne nur eine Sekunde zu lang zu überlegen. Vollprofi Kühnert.

Letztlich, das wurde im Gespräch, das kein Streit war, klar, will er eine starke SPD, seine volle Loyalität gehört „dem Laden“, und stark ist die SPD in seinen glasigen Augen nur, wenn sie eine Unterscheidbarkeit zur CDU hat, also eine linke Volkspartei ist. Klares Profil.

Am Ende des Talks, den Kühnert wirklich angsteinflößend meisterlich, maximal routiniert und dabei völlig uncharismatisch, sicher auch, weil fern jeder Eitelkeit, abgearbeitet hat, fällt dann wieder das Mikrofon aus, Kühnert bleibt cool, macht ohne Mirko weiter, beantwortet die Frage des Studenten aus dem Publikum mit etwas lauterer Stimme. Es muss weiter gehen, Pausen sind nicht erlaubt.

Während wir anderen noch auf ein Bier in ein nahe gelegenes Restaurant gehen, sitzt Kühnert schon im ICE nach Hamburg, wo er am nächsten Tag weitermachen wird, immer weiter.

Man kann wirklich nur panische Angst haben, vor dem ultraprofessionellen Parteikader, der Kühnert in dreißig Jahren sein wird.

 

Category: Mein erstes Mal

Von: Carl Jakob Haupt

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