Rückblick: Berlin Fashion Week FW 2011

Zwei Wochen haben wir nun die diversen Shows der Berlin Fashion Week auf uns nachwirken lassen, um vielleicht doch noch mehr zu erkennen, als auf den ersten Blick deutlich wurde. Das hätten wir uns sparen können. Denn wieder einmal wurde in Berlin keine neue Theologie der Mode präsentiert, sondern Erwartbares gezeigt.

Die Tonalität für die Berliner Modewoche wurde von Ricarda Landgrebe im Spiegel gesetzt – drei Tage bevor das Spektakel überhaupt losgehen sollte. Landgrebe stellte der Berlin Fashion Week ein Zeugnis der Provinzialität aus. David und ich äußerten uns dazu in einem Spiegel-Beitrag für’s iPad, den glücklicherweise nicht viele sahen. Die Stimmung der Verantwortlichen jedenfalls war gereizt, die Stutenbissigkeit einiger Chefredakteurinnen herausgefordert. Viele schossen gegen den Spiegel, obwohl dort doch eigentlich gar nicht so viel Aufregendes stand. Dass Berlin weder mit Mailand und Paris, noch mit New York und London mithalten kann, weiß doch sowieso jeder. Mit Ausnahme von Jan-Henrik Scheper-Stuke vielleicht, der sich in der Front Row wie die deutsche Lady Gaga vorzukommen schien.

Einen Coup präsentierte die Berlin Fashion Week gleich zu Beginn der Woche mit der Show des belgischen Designer-Duos A.F. Vandevorst. Die zeigen sonst nämlich in Paris. Wow, welch Internationalität. Ansonsten ging es im Zelt am Bebelplatz eher mau zu: Laurél, Marcel Ostertag, Anja Gockel und Co. zeigten schrecklich langweilige Entwürfe, wie man sie nicht einmal im kleinstädtischen Karstadt sehen möchte.

Highlights waren sicherlich Vladimir Karaleev, der mit seinen dekonstruktivistischen Designs selbst kritischste Geister milde stimmen konnte, Mongrels in Common, die eine sehr stimmungsvolle Show im Bärensaal boten, die einzig durch die vielen Zalando-Logos gestört wurde, sowie Kaviar Gauche mit sehr erwachsenen und durchdachten, cremefarbenen Entwürfen.

Patrick Mohr, unsere Hoffnung in Sachen Männermode, zeigte sich von seiner sportlich-urbanen Seite und präsentierte sehr tragbare Streetwear. Wieder einmal konnte der dürre Münchner überraschen: einen schlichten Kapuzenzipper hätte wohl niemand von ihm erwartet. Ein gehöriger Schuss mehr Avantgarde wäre aber auch nicht schlecht gewesen.

In der Projektgalerie konnten internationale Jungdesigner zeigen, dass es kein weißes Zelt braucht, um die nötige Aufmerksamkeit zu erhalten. Bei Designer Scouts zeigte unter anderem die Hamburgerin Anna Wegelin ihre schön hibbelig-bunten Entwürfe.

Wie immer gab es viel zu viel zu sehen, die interessantesten Teile aber vor allem fernab des offiziellen Programms am Bebelplatz. Wer es bei all den Openings, Shows, Installationen und vor allem Partys dann auch noch schaffte sich die großen Messen Premium und Bread & Butter anzuschauen, hat meinen vollsten Respekt.

Als Resümee bleibt festzuhalten, dass Berlin selbstredend nicht mit Paris oder all den anderen Städten verlgeichbar ist, in denen wirkliche Trends entstehen. In der deutschen Hauptstadt wird Erwartbares, Tragbares und Langweiliges gezeigt. Gelegentlich aufblitzende Perlen gibt es aber dennoch zu sehen.

Karl-Heinz Müller, Chef der Modemesse Bread & Butter, schreibt in einem zornigen Leserbrief zum Spiegel-Artikel: “Berlin ist (…) The Capital of street- and Urbanwear”. Damit mag er recht haben und für seine Messe sprechen. Eine Catwalk-Show braucht es dafür aber eigentlich nicht. Eine steril beleuchtete Messehalle reicht allemal.

Was wir wirklich im Herbst/Winter 2011 tragen, werden wir aus Paris und Mailand erfahren.

Category: Fashion Week Berlin

Tags: A.F. Vandervorst, Bebelplatz, Berlin, Fashion Weeks, mailand, Paris, Patrick Mohr, scheper-stuke, trends

Von: Carl Jakob Haupt

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