Schafe in Amsterdam

Es ist in der Modebranche nunmal so üblich, dass neue Werbevideos eben nicht einfach so per YouTube-Link verschickt und in einer knappen Mail vorgestellt werden, sondern, dass man sich etwas besonderes überlegt, ein Markenerlebnis schafft und möglichst auch ein Szenario, dass sich gut mit dem Smartphone einfangen und an die treue Gefolgschaft senden lässt. Und so kam es dann, dass wir eingeladen waren, nach Amsterdam zu reisen, um dort auf einer kleinen Insel vor der Stadt, auf der einige wilde Schafe leben und sonst nur eine Familie, die ein exzellentes Restaurant betreibt, in einem ehemaligen Stall den neuen Kampagnenfilm, einen Werbeclip also, der niederländischen Kleidermarke Scotch & Soda anzuschauen.

Die Reise dorthin war angenehm gewesen, der Flieger pünktlich und am Flughafen hatte uns ein netter Herr mit großer Limousine abgeholt und zum Hotel gebracht, in dem auf unseren Zimmern schon kleine Geschenke auf uns warteten. Bevor wir wenig später, die Zeit hatte hervorragend gereicht, um nochmal kurz in der ausliegenden Lokalzeitung zu schmökern und nicht viel zu verstehen, mit einem alten Dampfboot auf die Insel fuhren, gab es Oliven, erste Drinks und abtastenden Smalltalk.

Nach knapp einstündiger Fahrt kamen wir dann auf Vuurtoreneiland an, der Leuchtturminsel. Dort hörten wir einem geschliffenen Redner zu, der uns erzählte, dass es auf der Welt etwa ein dutzend Amsterdams gäbe und sie für den Kampagnenfilm an einige dieser Orte gefahren waren, um zu zeigen, dass Amsterdam kein Ort sei, sondern eine Haltung: ein Mindset. Dann schauten wir den Film und dann gleich nochmal, was entweder an technischen Problemen gelegen haben mag oder daran, dass die Markenmacher selbst so ergriffen davon waren, so begeistert vom Produkt ihrer Arbeit. Es war ein guter Film, emotional auch, und natürlich mit tollen Bildern eines Amsterdams im Nordmeer, eines in Südafrika und eines irgendwo in den Tropen. Und nun standen wir eben im Schafstall auf einer Insel im ursprünglichen Amsterdam.

Es war Zeit zu essen, also gingen wir die wenigen Meter hinauf auf den kleinen Hügel, dieser kleinen Insel, und setzten uns in ein Glashaus, das zur Insel gehörende Restaurant, und es gab ein ganz vorzügliches Essen, vielleicht eines der leckersten, das ich je gegessen hatte, in mehreren Gängen, die jeder für sich schon fantastisch waren und zusammen dann wirklich eine Komposition.

Später spielte dann noch die Band Nambyar ein intimes, leises Konzert im Glashaus und sie spielten zarte, elektronische Liebeslieder, die an James Blake und Mount Kimbie erinnerten. Auf Spotify wurde eines ihrer Lieder schon mehr als eine Million mal gespielt und es wäre nur fair und recht, wenn Nambyar bald sehr bekannt würden, auch weil deren Sänger Jesse ein feiner Kerl ist, was ich deshalb sagen kann, weil er beim Essen neben mir saß, wir uns garnicht mal viel zu sagen hatten und es trotzdem nicht unangenehm war: wir schwiegen.

Und als dann alle aufgegessen hatten und der volle Mond hell über dem Wasser stand, wurde es Zeit und wir fuhren mit dem Boot zurück aufs relative Festland Amsterdams, eingewickelt in bereitliegende Decken und ich dachte nochmal kurz über den Werbefilm nach, für den ich gekommen war und darüber, dass Amsterdam eine Haltung sein sollte, und meine Haltung war nun etwas krumm, weil mir kalt war und ich versuchte, die Decke um meinen gesamten Körper zu wickeln und auch natürlich weil dies mein Beruf ist.

Category: Lookbooks

Von: Carl Jakob Haupt

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