So war das: meine Zugreise mit LEVI’S durch den Osten der USA

Wer mir zum Beginn der Reise erzählt hätte, wie erhaben es sich anfühlt, die allmächtige Godmother of Punk, Patti Smith, in einer Bahnhofshalle mitsamt ihrem Sohn Jackson an der Gitarre und einer improvisierten Band mehr oder minder protestige Liebeslieder zu spielen, dem hätte ich logischerweise nicht weniger als den Vogel gezeigt. Am Ende war es dann aber vor allem eines: total schlüssig.

Angefangen hatte unsere Reise, nach gewohnt großstädtischem Kick-Off in Brooklyn, eigentlich so richtig erst in Pittsburgh. Dort stiegen mein Reisebegleiter, der Berliner Hedonismusiker Tobias, der sich und seine Band einst wohl im sympathischen Größenwahn “Bonaparte” nannte, in den Zug, der uns unter dem Motto “Station to Station” und unter Schirmherrschaft von Großkünstler Doug Aitken von eben dort bis nach Minneapolis mitnehmen sollte.

Während wir in der Bahnhofshalle Pittsburghs zum Abschied noch einige Bands sowie die ebenfalls anwesende und immer noch sehr schöne Chloe Sevigny angeschaut und uns der schon in Brooklyn gezeigten Kunst gewidmet hatten, begann der eigentliche – nun ja – drive der Reise dann im Zug: im Panorama-Wagen, einem Wagon mit insektenartigen Glasaugen, die einen Rundumblick auf alles preisgaben, schrieb der Musiker Ariel Pink einen neuen, völlig unverständlichen alles-andere-als-Smash-Hit, im Restaurant-Abteil köchelte Superstarkoch Leif Hedenal aus regionalen, vor Ort eingekauften Zutaten irgendetwas, das sicher niemand als Pittsburgher bezeichnet hätte, was aber eigentlich genau das war: ein Kunstmahl bestehend aus Pittsbugher Ingredenzien. Thurston Morre, weltbekannter Ex-Musiker der ewigen Spitzenband Sonic Youth, frickelte derweil im Recording-Wagon auf zwei immer gleichen Akkorden repetitiv an einem neuen, sperrigen Song herum, auf dessen Veröffentlichung ich seither fiebrig warte.

Tobias und ich wuselten von Waggon zu Waggon, trafen uns zum High Five auf den offenen, brutalst windigen Flächen, die einen mit dem anderen verbanden und staunten immer mehr über all die Künstler an Bord, die so nett waren, wie man sich das nun wirklich nicht hätte vorstellen können.

Pünktlich um 5:01 Uhr amerikanischer Nachmittagszeit schritt Eli, ein so genannter Auctioneer und Weltmeister in seiner Disziplin, durch den Zug und zählte den Countdown für die offizielle Happy Hour, die zur Jeans-Uhrzeit vor allem eines bedeutete: wir wechselten von Bier und Wein zu härterem Stoff. An jedem Stopp des Zugs servierten die beiden gerne als Mixologists bezeichneten Bartender eigens dafür kreierte Long Drinks, die jeden noch so toughen Cowboy aus seiner 501 schlugen.

Irgendwann landeten wir dann in Chicago, der Windy City, in der sommerlichste 35 Grad herrschten. Tobias arbeitete dort an neuen Bonaparte-Songs, ich sprang in den Lake Michigan und legte mich in den Sand. Mehr Summer in the City gibt’s nichtmal in Barcelona, dachte ich und schlief ein.

Aufgewacht bin ich dann erst wieder mit dem ersten lokalen Chicagoer Bier, das mir in der Bahnhofshalle dieser drittgrößten US-amerikanischen Stadt gleich beim Einlass gereicht wurde. Gemeinsam mit meinen im Zug gefundenen neuen besten Freunden schaute ich mir eine irrsinnig starke Gospel-Gruppe The Black Monks of Mississippi an, die selbst den abgebrühtesten Tontechniker der Crew zu Tränen rührte. Später spielte dann noch Mavis Staples, die Grammy-Preistragende Soulsängerin. Im direkten Vergleich zu den sehr artifiziellen “Station-to-Station”-Events in Brooklyn und Pittsburgh hatte Chicago definitiv am meisten Seele – kein Wunder, in der Stadt des Blues’.

Das Publikum war in jedem Fall: begeistert. Ich auch.

Mit mäßigem Kater und ungewaschenen Haaren setzte ich mich am darauf folgenden Morgen wieder auf meinen Lieblingsplatz im Zug: das Bett im Levi’s-Waggon, das vis-a-vis einem zweiten Bett und in unmittelbarer Nähe zur Juke-Box und der direkt an Soundcloud angeschlossenen Jazzgitarre stand, an der sich immer wieder extrem talentierte Musiker, wie die Geschwisterband The White Mystery, die ebenfalls im Zug mitreisten versuchten und ihre krachigen Soundminiaturen ins weltweite Netz schickten.

Wir donnerten weiter durch die amerikanische Provinz, die natürlich genauso trostlos und geil aussieht, wie man sich das immer vorstellt. Und dann war es auch schon wieder: 5:01 Uhr.

Der Abend begann, wir tranken schnapslastige Drinks, spielten Guns ‘n Roses-Lieder mit der Soundcloud-Gitarre, schickten auf einer gepimpten alten Schreibmaschine halbseidene Tweets in die Welt und wurden jäh vom vertrauten Hupen der Lok aus dieser irren amerikanischen Zugfahrerwelt gerissen: Touchdown Minneapolis.

Über diese eine Hälfte der Twin Cities wusste ich selbstredend gar nichts, außer, dass wir mit der “Station-to-Station”-Tour sicherlich zu den absoluten Jahreshighlights der Stadt zählen würden. Ein mittellanger Blick in die blank gewichste Fußgängerzone und ein etwas längerer Blick in die “Mall of America”, größte ihrer Art in Nordamerika, bestätigten diesen Eindruck aufs Unangenehmste. Unser allabendliches Showprogramm schauten wir uns dann aus Fairnessgründen in der zweiten Hälfte der Doppelstadt, in St. Paul an.

Neben alten Bekannten, wie Ariel Pink, No Age und The White Mystery war es an diesem letzten Abend Tobias’ und meiner Reise vor allem eine Dame, die uns vor Aufregung fast durchdrehen ließ: Patti Smith.

Als finaler Act dieses Abends, wie unserer Tour, ja man muss es so sagen, schritt dieser alte, sehr hippiemäßige Punk auf die Bühne, fragte bestimmt aber ganz und gar nicht zickig nach, warum sie ihre Gitarre nicht hören könne, stellte ihren Sohn Jackson vor – und trieb dann mit ihrer blechernen, von einem massiv ereignisreichen Leben gezeichneten Stimme Gänsehäute über Rücken.

Irgendwann kamen dann noch einige Musiker mehr hinzu, die sich später unter anderem als Levi’s Mitarbeiter oder sonstige Zugmitfahrer – einer war eigentlich Kameramann –  entpuppten, und spielten mit dem alten Punk Smith nicht zuletzt “Because the Night belongs to Lovers”, war natürlich saugeil und überhaupt nicht zu toppen war.

Nichtmal die vielen schalen Bier zum Abschied in der lokalen Drecksbar und der stundenlange Heimflug auf dem Mittelplatz konnten dieses Erlebnis noch trüben. Das war: rattenscharf.

 

Category: Music

Tags: Levi's, reise, Station to Station, usa

Von: Carl Jakob Haupt

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