Spiri-Proll

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#africaburn #burningtime #spacecrew #partnersincrime

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John Reed Fitnessstudio

John Reed Fitnessstudio

Vor ein paar Wochen sprach ich mit meiner Mutter ĂŒber Prolls. Unklar, wie wir auf das Thema kamen, jedenfalls fragte ich sie, und auch irgendwie mich, wie sieht der heutige Prolet aus? Was macht ihn aus? Sie sprach von Goldette ĂŒber dem Muskelshirt, Trainingsazug, BMW 3er.

Die Beschreibung eines Klischees: MĂ€nner, die in Unterhemd, ein Großteil ihrer Freizeit saufend in ihrer Stammkneipe verbringen, ĂŒber “die da oben klagen”, laut, nicht kultiviert – prollig eben. Der Prolet, so wir ihn kennen und klassifizieren, stammt aus der Arbeiterklasse. Ein Mann, der nicht viel verlangt vom Leben, BILD Zeitung, Dauerkarte seines Lieblingsvereins und eine nicht allzu stressige Olle.

Der Klischee-Prolet ist, zu mindestens in den deutschen GroßstĂ€dten, eher selten anzutreffen, hier ein echter Exot. Seine Ă€sthetischen Nachahmer hingegen gibt es in Berlin, Kopenhagen, London und New York vielfach zu sehen: hippe Boys in Tracksuits, mit Fussballschal, Boxerhaarschnitt etc. Selbst seine Posen werden imitiert. Zum Beispiel die Russenhocke, die ursprĂŒnglich von den Gopniks kommt, dem russischen Proll-Prekariat.

Auch Marken bedienen sich großzĂŒgig: Vetements greift das ALDI-Muster auf, Astrid Anderson, Nasir Mazhar und mit ihnen eine Vielzahl von Modemachern entwerfen TrainingsanzĂŒge. Dass die Speerspitze der Mode sich “von denen, da unten” inspirieren lĂ€sst, ist kein neues PhĂ€nomen. Es ist das altbekannte Spiel mit dem Ästhetik-Bruch, einstige No-Go’s werden in neuem Kontext, teils ironisiert, aufgegriffen.

Doch wenn der Ur-Proll zu einem Exot geworden ist, nur noch als Abziehbild seiner selbst, als Fassade exisitiert, wer ist dann der heutige, echte, wahre Proll?

Um die Frage zu beantworten, bedarf es eines Blicks in die jĂŒngste Geschichte der Mode: 2014 hat die New Yorker Trendagentur K-Hole mit “YOUTH MODE: A Report on Freedom” einen bemerkenswerten Text, hier als Download erhĂ€ltlich, veröffentlicht. Es geht, kurz gefasst, darum, dass das Streben des Hipsters nach grĂ¶ĂŸtmöglicher InvidualitĂ€t, in der “Mass Indie” Kultur endete: Überall nur noch wild wucherende BĂ€rte, Fixie-Bikes, Second-Hand-Ketten und Cafes, die mit Flohmarktmöbeln ausgestattet sind.

Die Suche nach Individualismus wurde zum Massensport. Ein Teufelskreis. Alle wollten grĂ¶ĂŸtmögliche IndividualitĂ€t und endeten schlussendlich im gleichen Dilemma: dem verteufelten Mainstream. K-Hole zeigte in “YOUTH MODE: A Report on Freedom” einen Ausweg auf: Normcore. Ein Lebensstil. Mainstream ist okay, so die Botschaft. Britney Spears  Konzert – okay. Funktionsjacke von deinem Daddy – okay.

In der Massenkultur OriginalitĂ€t finden, so die Idee. Balenciaga, Vetements oder Martine Rose – drei der derzeit einflussreichsten Marken – konzipieren so Ă€ußerst erfolgreich Mode. Doch Normcore hat bislang nur einen vergleichsweise kleinen Kreis (Inner Circle) erreicht.

Die aktuelle Massenkultur ist Mass Indie. Hier finden wir den heutigen, wahren Proleten, der, so glauben wir, neu definiert werden muss, denn er unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von seinem Vorfahren – dem Bier trinkenden, an seinem tiefergelegeten Auto rumschraubenden Proll.

Der, nennen wir ihn mal, Spiri-Proll, will um jeden Preis anders als die Massen sein, dafĂŒr nimmt er mitunter weite Strecken auf sich: ein Yoga-Retreatment in einem Ashram in Kerala, Indien. Nach Costa Rica, wo das Believe Surf Camp auf ihn wartet. Oder aber zum Africa Burn – ein Festival mitten in der WĂŒste SĂŒdafrikas – wo dann mit altbekannten Spiri-Prolls die Andersartigkeit gefeiert wird #nocoachellacunts.

Im Nachgang spricht der Spiri-Proll dann gern lang und breit in großer Runde von seinen Reisen, die ihn allesamt selbstverstĂ€ndlich “sehr geprĂ€gt haben”. Er könnte das seinem Umfeld ersparen, denn wir haben doch so oder so schon alles gesehen – via Instagram:

Sonnenuntergang, muskelgepackter Body, rechts daneben, im Sand stecken: sein Surfboard. Nach der Yoga-Session, erschöpft, aber ĂŒberglĂŒcklich, wie wir der Caption entnehmen dĂŒrfen.

Oder aber, herrlich absurd, Insta Story folgt auf Insta Story, wĂ€hrend man im Fernen Osten auf seinem SpiritualitĂ€tstrip nach dem Sinn des Lebens sucht. Wie erfolgsversprechend ist die Arbeit mit dem spirituellen Meister, wenn sich alle Gedanken ausschließlich darum drehen, wie man all das Erlebte bestmöglich in eine Insta Story packt?

Daheim wird dann die Buddha-Statue aufgestellt, gut sichtbar vom weißen Ledersofa, damit die GĂ€ste einen auch ja ansprechen, so dass man sein rudimentĂ€res Wissen (2 BĂŒcher, eine spirituelle Reise) mit ihnen teilen kann.

Die Sinnsuche des Spiri-Proll dient in erster Linie der Selbstdarstellung, dem Versuch anders zu sein (Endstation: Mass Indie), nicht der ernsthaften Auseinandersetzung mit einer geistigen Lehre. Ernsthaft hingegen betreibt der Spiri-Proll sein tÀgliches Body-Workout. Trainiert wird in Edel-Muckibuden wie dem JOHN REED, inmitten von neuen, auf alt gemachten SchrÀnken und Sofas, Buddhastatuen, Kronleuchtern sowie diversen Objekten fremder Kulturen.

Der Style des Spiri-Proll hat etwas von einem JOHN REED Fitnessstudio: eine Buddhakette um den Hals, ein wild im Wind flatterendes Tuch um den Kopf gebunden, Glitzer im Gesicht, zerschlissene, auf altgetrimmte, weiße Jeans, gern wird ein Kimono ĂŒbergeworfen, darunter: Sixpack. Cultural Appropriation at it’s best! Der crazy Festival-Look, den man auch daheim partout nicht aufgeben will.

Der Ur-Proll, wie in der Einleitung beschrieben, hat etwas simples: Er ist was er ist. Das macht ihn sympathisch. Im Gegensatz zu seinem Nachfolger dem neureichen, Ibiza House hörenden, stets öffentlichkeitswirksam sinnsuchenden Spiri-Proll.

 

Category: News

Tags: Buddha, Buddha to Buddha, Gopnik, John Reed, Lads, Prolet, SpiritualitÀt

Von: David Kurt Karl Roth

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