TALK: Berlin’s Rubberangel No.1

👼👠

Sein Vater ist Architekt, die Schwester Grafikerin, sein Bruder hat eine Malschule in München.

Daher käme auch sein Gespür, seine „innere Referenz“ für das, was schön aussieht – und für das was als nächstes kommt. Wie zum Beispiel „Gelb oder Braun“. Als Ulrik Kotzebueh 30 Jahre alt war, beherrschte die Welt die Ölkrise. Damals war er Ingenieur, jung und selbstständig. Und landete kurze Zeit später beim Jobcenter.

Doch dort wollte er nicht bleiben. Seither beschäftigt sich Berlins RUBBERANGEL mit dem Saft des Gummibaums. Er designt, klebt und näht Klamotten aus Latex. Gerade arbeitet er an seiner neuen Website, bei der alles besser werden soll.

Sein nächstes großes Projekt: Den Schwimm-Body – selbstverständlich aus Latex – marktfähig machen. Er selbst trägt ihn immer, wenn er ins Schwimmbad geht. Der drücke 20cm und seinen altersgemäßen Bauch bequem weg und man hätte eine ideale Figur, so der RUBBERANGEL.

Die Schlabberhosen, die die Männer sonst gern tragen, findet er ganz und garnicht schön. Er selbst sieht sich nicht als Fetischist. Er will auch nicht in eine Ecke gedrängt werden. Er will mittendrin sein.

Wir haben den schönsten aller Latex-Engel über den Alltag, Frauen, seine Kundschaft und seine Praktikantinnen gesprochen:

Sie waren früher Ingenieur – wie und warum sind Sie ins Latex-Business eingestiegen? 

UK: Ich habe eine sehr trockene Haut. Von klein auf war Stoff für mich immer etwas Kratziges, Unangenehmes. In den 70er Jahren gab es diese Regenmäntel noch häufiger als heute. Da habe ich gemerkt, dass mir das irgendwie gut tut. Die Optik und Haptik, wie man so schön sagt. Der Stoff gibt der Haut ein bisschen Feuchtigkeit zurück. Dann ist das auch nicht kratzig. Na ja, damals war die Mode jedoch keine Option für einen Beruf, aber ich habe sie im Hinterkopf behalten. Ich arbeitete als selbstständiger Ingenieur, bis in den 70ern der Ölpreisschock kam. Da wurde alles viel teurer. Da gab es ja sogar vier Wochenenden in Deutschland, an denen man nicht mit dem Auto fahren durfte. Das kann man sich heute kaum mehr vorstellen. In der Krise habe ich meinen Job verloren und begann mit der Mode.

Ulrik Koetzebueh in seinem selfmade Hauskleid.

Mein Ansatz war es, dass ich zwar das Material mag: Also Plastik oder Latex. Aber ich möchte in der Gesellschaft mittendrin sein, ich will keine Randgruppe sein oder als Spinner im stillen Kämmerlein rumspielen. Ich meine, was jeder privat macht ist seine Sache, aber ich möchte auch, dass es anderen gefällt.

Sie wollen also nicht nur eine Nische bedienen, die man mit Latex assoziiert? 

UK: Gerade das mit dem Assoziieren ist eben der Punkt. Das hat mich immer schon gestört:

Ich bin nicht unbedingt diese Trennung zwischen unten und oben, zwischen Körper und Seele und das eine ist gut und das andere ist nicht edel. Trotzdem sind wir ja nun Tier und Geist. Wenn das Tierische zu sehr Überhand nimmt, ist das auch nicht mehr akzeptabel. Na ja, diese Trennung hat mich halt gestört. In gewisser Weise hat ja auch Kirche und der Staat einen Vorteil davon, wenn sie den Leuten sagt: Ihr seid Schweine, ihr dürft euch nicht wehren, ihr müsst arbeiten, ihr seid Knechte. Das funktioniert mehr oder weniger immer. Aber ohne das Sexuelle kann man ja gar nicht leben, da gäbe es ja kein Leben.

Ich komme aus einer Künstlerfamilie, da war das lockerer, da gab es in dem Sinn keinerlei Probleme. Ich bin in Bayern aufgewachsen, da war es in Berlin besser, um das mal so vereinfacht zu sagen.

Wie wichtig ist Berlin als Standort für Sie? Wäre so ein Geschäft auch in Bayern möglich? 

UK: Möglich ist es, jedoch sicherlich einfacher in Berlin.  Über die Jahre habe ich auch ein paar Dinge erlebt. Natürlich bin ich auch hier mal als „Schwule Sau“ bezeichnet worden.

Sie tragen Latex auch im Alltag? 

UK: Ja, ja so richtig direkt (haha). Es ist eher selten, aber welche die sich aufregen sind eher Männer. Das hat ja auch ein bisschen damit zu tun, dass Männer mehr so Macho-Typen sind und daran gewöhnt sind, dass sie die Show machen. Wenn dann jemand anderes kommt, der sie übertrumpft, dann finden die das manchmal nicht lustig. Ich finde es eigenartig, dass sich zum Beispiel beim Sonnen auf der Wiese immer Grüppchen an Männern bilden. Und trotzdem reagieren sie noch unheimlich aggressiv, wenn man denen sagt, dass jemand anderes homosexuell ist.

Ich selbst habe zwar keine Beziehung dazu. Ich bin aber offen und bewerte niemanden.

 

Latex auf der Sonnenwiese? Gehen Sie an ganz heißen Sommertagen in Latex-Montur auf die Straße?

UK: Es gibt einen Grenzfall. In der prallen Sonne. Da hat man halt noch weniger an. Der Witz ist einfach der: Der Körper schwitzt eben auch, um die Körpertemperatur zu halten. Ich meine über die ganzen Jahre, gewöhnt man sich dran, ich trage es ja auch schon seit 40 Jahren. Ich bin schließlich etwas älter jetzt.

Sie haben wirklich nur noch Latex im Schrank? 

UK: Na ja, ich trage es hauptsächlich. Eigentlich ziehe ich nur Stoffsachen an, wenn es unter fünf Grad ist, wenn es also saukalt ist. Oder wenn ich krank bin. Das hat damit zu tun, dass man mit diesen Klamotten einfach mehr Vitalität nach außen zeigen muss. Sonst wird das gleich negativ gesehen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Wenn Sie auf der Straße gehen und Sie fühlen sich schlecht, dann werden Sie sich nicht auffällig anziehen. Weil man dann einfach nicht die Kraft hat zu sagen: Ihr könnt mich alle, das ist richtig, was ich mache. Das muss man eben rüber bringen. Ich mag es aber auch zu schauspielern.

 

Sie haben vorhin erwähnt, dass es vorkam, dass sie auf offener Straße angefeindet wurden. Haben Sie da eine Entwicklung festgestellt – waren es früher mehr Vorfälle dieser Art?

UK: Es kommt ganz selten vor. Das liegt aber auch an meiner Persönlichkeit, weil ich mich zurücknehme. Das heißt, ich stelle mich nicht in den Mittelpunkt und sage: Hier bin ich. Ich stehe lieber etwas an der Seite. Ich will zwar schon mittendrin sein, aber ich achte die Leute. Und freue mich schon darüber, wenn man das toll findet.

Ein paar Mal habe ich es aber natürlich schon erlebt, aber meist von Leuten die selbst verunsichert werden dadurch.

Wer sind diese Leute?

UK: Zuletzt waren das zwei Mal mit Rechtsradikalen. Die hatten damit Probleme und haben mich dann angemacht. Na ja, das ist auch so eine Sache. Die sind wahrscheinlich irgendwo auch unsicher. Nur in ihrer entsprechenden Gruppe überspielen sie das.

Letztens in der U-Bahn hat mich auch ein 15-Jähriger Junge so angezischt: „Schwule Sau“ oder sowas. Und dann, als er ausgestiegen ist, hat er es dann laut gesagt. Dann habe ich ihm gesagt: Du bist ganz schön faschistisch. Dann meinte er: Zieh dich halt anständig an. Das ist eben genau der Punkt. Sie meinen zu wissen, was richtig ist. Aber nicht nur das, sondern das dann auch durchzusetzen. Draufhauen, wenn es jemand anders macht.

 

Glauben Sie, dass es für Frauen heute schwieriger sein könnte, Latex offen im Alltag zu tragen, wie Sie es tun? 

UK: Frauen müssen da wohl prinzipiell sehr zurückhaltend sein, sonst werden sie schnell als Freiwild betrachtet. Es erfordert schon mehr persönliche Ausstrahlkraft, dass man sagt: Hallo, hier bist du und hier bin ich.

Ich habe zehn Jahre lang so ein Forum „Heavryrubber“ für Latex-Sachen von 1990 bis 2000. Danach habe ich damit aufgehört, weil es lockerer wurde und das gar nicht mehr nötig war. Das war gedacht für Leute, die das mögen, sich aber einsam fühlen und sich nicht trauen mit irgendwem darüber zu reden. „Bin ich pervers, ist irgendwas nicht richtig mit mir?“

Die Medien machen es ja immer negativ. Good news are no news and bad news are good news. Da lohnt es sich drüber zu reden. Deshalb wollte ich denen da ein bisschen helfen.

Jedenfalls haben die Männer sich in diesem Forum immer wieder beschwert: Warum finde ich keine Frau, die Latex tragen möchte? Dann habe ich denen auch gesagt: Die gehen das falsch an. Wenn Leute wirklich Fetischisten sind – ich fühle mich nicht so, für mich ist es ein Teil des Lebens, der mir einfach gefällt, auch wenn das fließend ineinander übergehen kann – dann ist es so: Wenn die Frauen das Gefühl haben, dass sie eine lebendige Kleiderstange sind, dann müssen sie sich nicht wundern, dass sie das nicht wollen. Oder höchstens, wenn sie dafür bezahlen, aber das ist dann wieder eine andere Story..

Die müssen halt wissen, dass die Frauen in der Umgebung darauf achten müssen, weil sie sonst missverstanden werden. Und sie würden auch viel eher Latex tragen, wenn sie wüssten, dass sie als ihre Person, als der Mensch gemocht werden. Dann würden sie das auch von sich aus probieren. Es ist ja auch ganz anders auf der Haut. In den ersten drei Monaten habe ich auch mehr geschwitzt, bevor die Haut sich daran gewöhnt hat.

Woran mussten Sie sich noch gewöhnen? 

UK: Einmal ist mir auf der Loveparade was passiert. Da hatte ich so, Radler nennt man das an, also ein Body mit kurzen Ärmeln und kurzen Beinen, an. Und es ist so, dass der Kleber erstmal trocknen muss. Selbst wenn es geklebt ist, sollte man es erst am nächsten belasten. Dann war es aber so, dass ich es am morgen geklebt hatte und dann am Nachmittag direkt dahin wollte. Und dann an der kritischsten Stelle fing an kalte Luft reinzukommen. Da waren aber so viele Leute, dass keiner was gesehen hat. Dann musste ich aber doch nachhause, das war dann doch unzumutbar für mich.

Bei mir ist es schon so, dass es zu einer Art Aufgabe geworden ist. Denn manchmal ist es dann wieder nicht so bequem. Aber im Großen und Ganzen eigentlich schon. Das Material ist ziemlich robust, ich fahre jeden Tag Fahrrad. Ich bin auch Mal gestürzt und dann war da nur ein klitzekleines Loch. Ich mache auch Umzüge  in Latex.

Wer bestellt sich Latex Bodys und Co auf Wunsch und Maß bei Ihnen? Würden Sie sagen, sie haben eine spezielle Kundschaft? 

UK: Ich habe eigentlich wirklich alle Leute da. Viele trauen sich halt nicht und zum Teil sind es auch gewerbliche Kundinnen sozusagen. Aber die haben meistens haben schon Stellen, wo sie es sowieso immer kaufen und ich selber nehme mich nicht so als Verkäufer war. Ich bin es zwar, aber ich müsste dann mit denen Kontakt halten und mich kümmern. Ich habe zwar nichts gegen diese Kunden, aber ich habe auch nicht Lust dahin zu gehen und zu sagen: Hallo, ich habe das und würde das jetzt gerne verkaufen. Das mache ich also auch nicht.

Welches Teil wird am meisten bestellt? 

UK: Also Standard ist auf jeden Fall der Overall. Dann habe ich mal was für einen gemacht, der Schlammspiele spielt, das wird allerdings auch öfters angefragt. Die wollen dann Schlammstiefel, da geht es aber auch eher darum, dass sie eben Schutz brauchen. Da bietet sich das ja irgendwie an.

Auf Ihrer Website steht, dass sie eigentlich immer auf der Suche nach Praktikanten sind. Wer bewirbt sich bei Ihnen? 

UK: Meistens sind das Modedesignstudenten. Oft sind es aber auch Leute, die einfach Interesse haben. Und wenn sie dann hier sind, lernen sie ja auch richtig wie es geht. Ich mache zwar auch Näh-Kurse, aber man lernt während eines Praktikum natürlich mehr.

 

Sie hatten ein Jahr lang einen Laden in Friedrichshain – warum mussten Sie den schließen? 

UK: Ich habe da einfach nichts verdient. Es war auch eine schlechte Stelle. Das war am Ostkreuz in der Sonntagsstraße. Das war eine Gegend in der überall nur ziemlich kaputte Häuser waren. Das hat ein bisschen damit zu tun, dass die Mieten in der DDR ja niedrig sein sollten. Das war ja ganz nett, aber dadurch wurde alles heruntergewirtschaftet und alles wurde grau.

Jedenfalls hatten die dort alle auch kein Geld und alle sind nur zum Ostkreuz gehetzt, um den Zug zu bekommen. Sonst war dort nichts.Ich habe das mit einer Freundin angefangen, die Second-Hand gemacht hat, aber auch das hat sich nicht rentiert. Kaum waren wir da, meinten die Nachbarn: Mal sehen, wie lange ihr euch haltet. Die letzten waren hier auch nicht lange, höhö. Na ja, man muss das dann ja immer mindestens für ein Jahr nehmen, deshalb. Jetzt sieht es dort ganz anders aus, Gentrifizierung eben.

Spielen Sie wieder mit dem Gedanken, einen Laden zu eröffnen?

UK: Erstmal nicht. Über das Internet verkauft es sich definitiv leichter und besser. Wenn jemand was auf Maß haben will, kann er ja auch hierherkommen und dann messen wir ihn ab.

1/4

2/4

3/4

4/4

Category: Special

Tags: Berlin, Latex, Rubberangel

Von: Angelika Watta

Instagram