Was gewesen ist: Woche 11 (2018)

Es ist alles schon wieder so wahnsinnig lang her und meine Erinnerung ist nicht die beste, aber wenn ich ganz scharf nachdenke, fällt mir wohl ein, dass ich am Anfang der nun schon etwas länger vergangenen Woche mit meinen Freunden David Roth und Christian Meister beim, wie eine griechische Balletttänzerin uns über einen Strohmann hatte wissen lassen, besten Griechen der Stadt saß, vegetarisches Essen bestellte und weder Wein noch Ouzo trank und so sicher haarscharf an einem lebenslangen Hausverbot vorbeischrammte. Es war trotz alledem ein schöner Abend und Christian erzählte uns von dem spannenden Haus im Prenzlauer Berg, in dem er lebt und mit ihm der britische Künstler Tricky, ein asiatischer Dark Net-Drogendealer (wobei der nicht mehr, weil der nun in die JVA Moabit umgezogen wurde), eine RTL II-Blogger-WG und ein brutaler Frauenschläger, wenn ich mich recht erinnere. Der Prenzlauer Berg, Hort Kinderwagen im Wert eines Designerturnschuhs schiebender schwäbischer MILFs, was ist nur aus dir geworden? Ist das schon die Regression? Wird alles wieder gut? Muss der Wedding also doch gar nicht mehr kommen?

Mit größeren Fragen hätte die Woche gar nicht mehr starten können und so war ich froh, dass es am Dienstag erstmal nur um den massiven Wertverlust an der Bitcoin-Börse ging und später dann um die faszinierende TV-Casting Sendung Topmodel, dem Teilchenbeschleuniger der Modebranche. Und wer nicht weiß, was ein Teilchenbeschleuniger ist, dem sei das Internet ans Herz gelegt, das ihn folgendermaßen beschreibt: „eine Anlage der physikalischen Forschung, in der Elementarteilchen auf sehr hohe Geschwindigkeiten beschleunigt (und zur Kollision gebracht) werden, um daraus Einsichten in den Aufbau der Materie zu erhalten.“ Genial: die Physik, das Internet, diese Topmodelsendung!

Im weiteren Verlauf der Woche, ich erinnere mich allerdings nicht sehr genau, ließ ich mich dann von diversen Unternehmen zu Frühstücken (die dänische Regenjackenmarke „Rains“), zweiten Frühstücken (die kalifornische Jeansmarke „Levi’s“), Massagen (die schwedische Getränkemarke „Vitaminwell“) und Abendessen (die Kölner Modemarke „Armed Angels“) einladen, wie es eben so üblich ist, in dieser unregulierten Branche, in der man in die Hand, die einen füttert nicht beisst, weil man ohnehin schwer damit beschäftigt ist, den goldenen Löffel abzulecken.

Am Donnerstagabend fand dann in der Friedrichstraße, gegenüber eine GUCCI-Filiale, in einem zweigeschossigen, großen Eckladen gelegen, die Modenschau des Berliner Designers Marcell von Berlin statt, der in diesen prächtigen Räumen erstmal vor allem einen Späti eröffnet hatte und später hier auch seine Mode und konzeptuell dazu passendes verkaufen will. Nun wurde aber erstmal die Kollektion gezeigt, auf einem engen Laufsteg, quer durch den Laden, einmal die Wendeltreppe runter und an den geladenen Gästen vorbei. Gekommen waren: eine Ehefrau einer der Klitschko-Brüder, der schrullige Modeblogger Bryan Boy, Jung von Matt-Werber Jean Remy von Matt, DOJO Werber Joachim Bosse, französische und amerikanische Modejournalisten, sowie McFit Gründer Rainer Schaller, der Marcell von Berlin finanziell und organisatorisch unter seine muskulösen Fittiche (Stichwort: Massephase!) genommen und diesen prächtigen Laden erst ermöglicht hatte.

Um mich von all der Mode zu erholen, ging ich am Freitag mit meinem Freund Rafael Horzon ins Kino und wir schauten den Film Noir-Klassiker „Die Spur des Falken“ von 1941 mit Humphrey Bogart, vor allem aber doch mit Peter Lorre, dem größten Schauspieler aller Zeiten. Während Bogart ein der Zeit entsprechendes, großkotziges, aggressiv maskulines Arschloch spielt, ohne jede Schwäche, nichtmal für die schönsten Frauen, gibt Peter Lorre mit der Figur des Joel Cairo einen der ersten klar schwulen Charaktere des amerikanischen Films. Cairo ist ein linkischer, kümmerlicher, schmieriger Mann, dessen Motive unklar bleiben – und seither Vorbild für unser weiteres Leben.

Unsere neue Sleazyness probierten Rafi und ich dann auch direkt auf der 10-Jahresfeier der Werbeagentur DOJO aus und aalten uns durch die zum Büro ausgebaute obere Etage einer Kirche in Kreuzberg, in der nun knallige Werbefilme produziert werden, die dem Gott der Marke huldigen und im besten Fall das tun, was man viral gehen nennt. Wie zum Beweis hing an einem Kreuz, das das Facebook-Logo zitiert, der Heiland Mark Zuckerberg, ein Kunstwerk des Agenturgründers, mit Kordeln abgesperrt von den immer betrunkener werden Agenturmitarbeitern und Freunden des Hauses, die hier unter der Kuppel Gottes zu amerikanischem Hip Hop Unzucht trieben und vor einer mit Graffiti besprühten Logowand posierend den Gott des guten Geschmacks lästerten.

Die Agentur muss sehr gut laufen, mit ihren genau 36 Mitarbeitern, eine Hommage an den Stadtteil Kreuzberg 36, und ihren Kunden von Coca Cola bis abermals McFit, und Maggi bis Heinz Ketchup. Es gab also allen Grund zu feiern und das taten dann auch alle, während ich mich früh aus der Affäre zog und mit quietschenden Reifen durch die Nacht nach Hause fuhr, nur kurz gestoppt von einer Hundertschaft der Polizei, die mir im Atem Alkohol nachweisen wollten, was ihnen nicht so recht gelang, weil ich doch den ganzen Abend nur Sprite getrunken hatte.

Am Samstag ließ ich mich erst von der Küche des Sozialzentrums „The Reed“ bekochen, um das Menü für unser, in der darauf folgenden Woche stattfindendes Abendessen abzusprechen, und abends dann von meinem Freund Philip Mollenkott in seiner Neuköllner Hazienda. Anschließend kugelten wir uns noch durch die eisigen Straßen des Viertels und dann weiter nach Kreuzberg, schimpften über alles und jeden, wie wir es gern taten, kehrten auf drei große alkoholfreie Bier in einem österreichischen Lokal am Kanal ein und schlenderten dann schockgefroren vom Berliner Winter so gemütlich es eben ging in die mit ausgesprochen übellaunigem Personal besetzte Kantine Kohlmann, um dort der Schmuckdesignerin Lani Lees zum Geburtstag zu gratulieren und eine kurze Pirouette unter der tief hängenden Discokugel zu drehen, während das mir nur allzu gut bekannte DJ Duo Alygany den Funk spielte.

Den gesamten Sonntag verbrachten Giannina und ich dann, weil eben Sonntag war und Tag der Märzrevolution, im Café am Neuen See, wo ich ihr zur Feier des Tages betont beiläufig das Zertifikat über unsere Wolfspatenschaft, die ich heimlich abgeschlossen hatte und die uns nun, so hatte ich das bewusst falsch verstanden, zu Besitzern eines Wolfsrudels irgendwo in Sachsen gemacht hatte, überreichte, woraufhin wir einen weiteren, es muss der siebte gewesen sein, Kaffee bestellten und uns des Lebens freuten.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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