Was gewesen ist: Woche 14 (2018)

Es war Montag und Ostern und ich war immer noch in Los Angeles, wo ich an diesem Tag ein nach der Kunstfigur Tony Clifton benanntes Stück veganer Pizza und damit 355 Kalorien am Straßenrand des Broadway aß.

Dermaßen gestärkt schlenderte ich mit Giannina erst die breite Straße und dann den Bunker Hill hinauf, zum Museum of Contemporary Art (MoCA), um uns eigentlich nur die Großplastik “Capricorn” von Max Ernst anzuschauen: der Mann eine Ziege, die Frau ein schweinegesichtiger Fisch. Weil wir aber schonmal da waren, schauten wir uns auch den Rest der ständigen Ausstellung an, die übliche Kunst also, ein paar schlanke Statuen von Alberto Giacometti, hängende Neonröhreninstallationen, die tolle Fotografie einen Sarg tragender Lederjackenrocker von Danny Lyon aus den 1960ern, beeindruckend viele Rothkos, einen breitgepinselten Kline, natürlich John Baldessari, eine frühe Collage von Pollock, ein klassischen, großen Pollock und so weiter. Eben das, was überall auf der Welt in verschiedenen Nuancen in den Museen hängt. In der aktuellen Ausstellung des MoCA, eine der Fotografie gewidmeten Schau, fanden wir dann noch das wilde Foto von Nan Goldin aus 1984, das den jungen Journalisten Tom Kummer, der sich damals noch Scarpota nannte, in einem Berliner Club zeigt. Mittlerweile wohnt Kummer ja in Los Angeles und arbeitet hier als Tennislehrer – und ich habe endlich die Möglichkeit an dieser Stelle mal auf die wirklich sehr gute Radioreportage von Deutschlandfunk Kultur aufmerksam zu machen. Hier kann man sie hören.

Am Dienstag nahm ich mir nochmal die Sache mit dem Alkohol vor und trank einen Sundowner, einen Whiskey Sour, auf der durch Glasscheiben windgeschützten Terrasse des Soho House in West Hollywood. Von dort oben kann man sehr gut auf die vielen großen Villen in Beverly Hills schauen, von denen viele, Kummer wird es freuen, einen Tennisplatz neben dem Haupthaus haben. Ich habe dort allerdings noch nie jemanden spielen sehen.

Am Tisch zwischen Treppe und Bar saßen die Bloggerin Caro Daur und der 032c-Magazinmacher Jörg Koch und unterhielten sich wahrscheinlich über Mode und kurz nachdem wir Hallo gesagt hatten, waren sie auch schon weg, sodass ich gar nicht dazu kam, zu fragen, ob sie sich wirklich über Mode unterhalten hatten.

Kurz bevor die Sonne untergegangen war, fuhren Giannina und ich in ein anderes Hotel, weil sich in Los Angeles doch fast alles, was nicht in den privaten Villen in den Hills abspielt, in Hotels passiert, es sind die öffentlichsten Orte einer nicht sehr öffentlichen Stadt. Auf der Dachterasse des Dream Hotels hatte unsere Freundin Ana, eine aus Manchester stammende Halbjapanerin mit schönstem Arbeiterklasseakzent, zum Launch ihrer rein weiblichen Kreativagentur “Femme Creative” geladen und es war sehr schön und es wurde viel und spitz rumgeschrieen, auf eine gute, leicht hysterische LA-Art, in bunten, kurzen Seidenkleidchen.

Gut gelaunt von dieser Cocktailparty fuhren wir ins aktuell vor allem vom Autor Benjamin von Stuckrad-Barre mindestens ebenso hysterisch und spitz beschrieenen Hotel Chateau Marmont, dem Tor nach West Hollywood, und nahmen dort noch ein paar Drinks mit Davide und Bill und Arman, dem Musikdirektor des Hauses, der uns dann auch noch in die aktuell geschlossene Bar Marmont führte, die er plant, im Frühjahr 2019 wiederzueröffnen und zu einem exklusiven Ort innerhalb dieses exklusiven Hotels zu machen, wo es wilde Partys geben soll und man kann es sich gut vorstellen, wenn man die alte Bar sieht, die unzeitgemäße Toilette, die überwachsene Raucherterrasse und den versteckten Eingang, der hinter einer Küche liegt. Später kam dann noch mein Freund, der Fotograf Peter Kaaden dazu und als wir die letzten Gäste waren, tanzten wir auf den Tischen, bis die Bar um zwei schließen musste, wie es alle Bars hier müssen, in dieser strengen Stadt.

Wir gingen dann noch flüsternd für ein paar letzte Drinks auf Peters Zimmer in einem fußläufig gelegenen Hotel und als die Sonne bald aufging und Giannina und ich nach Hause fuhren, tat Peter mir leid, weil er doch ohne zu schlafen in die Wüste fahren musste, um sich dort Orte für einen möglichen Photoshoot anzuschauen.

Am Mittwoch traf ich zu einem angemessen späten Frühstück meine Freunde Kerstin und Daniel, zwei höchst erfolgreiche Modegeschäfteinhaber aus Frankfurt, die hier in Los Angeles gemeinsam mit ihrer jungen Tochter einen Monat Auszeit nahmen, vom Geschäft mit der Mode und so in den Tag hinein lebten, wie ich es seit Jahren eigentlich nicht anders tue. Wir aßen beim Mexikaner an der Ecke und tranken dann noch einen Kaffee auf einem Dach und schlenderten durch die schmierigen Straßen Downtowns, während die Sonne im Nacken pikste.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit Giannina und wir bereiteten uns auf den großen Abschied vor, der anstand, weil ich doch am Donnerstag schon fliegen musste, zurück nach Deutschland, um eben doch nicht immer einfach nur so in den Tag hinein zu leben, sondern zu arbeiten, weil ich doch hin und wieder auch Geld verdienen musste, so blöd es auch ist.

Und so kam es dann auch, dass ich nach diesen schönen, leichten Tagen in der kalifornischen Sonne mit schwerem Herzen in den Flieger stieg und in einem langen Flug gegen die Zeit nach Europa flog, erst nach München, dann nach Berlin, in das andere zu Hause, wo ich nun wach lag, weil der Jetlag zuschlug und noch dachte, wie schön es in Los Angeles gewesen war und in San Francisco und auf dem Weg, der dazwischen lag.

Immerhin schien die Sonne in Berlin und alle waren froh, was ja selten ist, in dieser Stadt und zu dieser Jahreszeit und so war es dann doch auch schön, anderthalb Tage hier zu verbringen, meine Schwester zu sehen und Philip Mollenkott, und bei meinem Stammchinesen in der Friedrichstraße immer noch per Handschlag begrüßt zu werden, eine Ehre, die nur den allerbesten Stammgästen zu Teil wird, mit Rafi Horzon zu frühstücken und den neuesten Trends in der Kunst nachzujagen, die aktuell eher nicht in den KW Kunstwerken ausgestellt werden, bei Johann König in der Galerie eine Gruppenausstellung nicht zu sehen, weil es zu voll war, dafür aber eine starke Live-Performance im angrenzenden, ehemaligen Café der König Galerie, mit Moritz von Uslar und Martin Purwin ein Bier im Grill zu trinken und eben all das zu machen, was Berlin schön macht, wenn Sommer ist, der ja nun war.

Am Sonntagabend dann musste es allerdings schon weiter gehen, nach Zürich, wo ich nun sitze und wo es doch auch sehr schön ist, wie eigentlich überall, wenn man nur will.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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