Was gewesen ist: Woche 19 (2018)

An der Promenade von Benidorm - im Hintergrund (sehr undeutlich): der Turm "InTempo"

Zu Beginn der Woche schenkte ich mir jegliche soziale Aktivität und saß lieber auf meinem Balkon im dritten Stock, knapp oberhalb der Baumgrenze, und las, was so liegengeblieben war und glotzte die Torstraße runter, auf der auch nicht allzu viel passierte, weil es heiß war und doch sowieso in den allerseltensten Fällen überhaupt mal was passiert. Und wenn was passiert, ist das meist ja auch nicht so besonders fein.

Planmäßig flog ich dann aber doch am Mittwoch zusammen mit Gia, die aus Los Angeles gekommen war, nach Valencia in Spanien und von dort fuhren wir nach Benidorm, ein ehemaliges Fischerdörfchen, das dank eines übereifrigen Stadtplaners seit den 1960er Jahren zur Stadt mit der höchsten Hochhausdichte gemessen an der Einwohnerzahl weltweit ausgebaut wurde. Und weil das den Stadtvätern wohl noch nicht genug war, planten sie vor wenigen Jahren das höchste Wohnhaus der EU bauen zu lassen, mit 47 Etagen, den Turm „InTempo“, der aufgrund der spanischen Immobilienkrise von 2008 aber nie ganz fertiggestellt wurde und seither leer steht, was vielleicht ganz gut ist, weil ohnehin vergessen wurde, für die letzten 27 Stockwerke einen Fahrstuhl zu planen, wodurch diese nur über eine Treppe zugänglich wären.

Meine Tage bestanden also daraus, inmitten trinkender, rotgebrannter Engländer, die hier das Highlight ihres tristen Jahres mit angemessener Euphorie und frei von jeglichen gesellschaftlichen Zwängen verbrachten, Kaffee zu trinken und bemerkenswert schlecht zu essen. Auf meinen langen Spaziergängen zwischen den Strandgastronomien mit Namen wie „Tikki Beach“, „Penelope Beach“, „Bikini Beach Bar“ und „The Lazy Cow“ erfreute ich mich an der ungewöhnlichen Hochhausarchitektur, die hier einige Blüten hervorgebracht hatte.

Als ich sämtliche mitgebrachten Tages- und Wochenzeitungen durchgelesen hatte, von vorne bis hinten, verlegte ich mich darauf, mir die älteren oder fettleibigeren oder älteren fettleibigeren Urlauber anzuschauen, die hier auf der Promenade in erstaunlich großer Zahl auf Scootern herumfuhren, teilweise auch in Zweisitzern, auf denen die Sitze hintereinander angebracht waren. Dem Klischee gemäß hätte ich solche Szenen eher in amerikanischen Einkaufszentren erwartet, nicht aber an der spanischen Ostküste, der berühmten Costa Blanca.

Die Abende verbrachte ich mit Giannina in den kaum besseren Lokalen der Stadt bei legendär günstigem Bier und bald auch wieder in unserem Hotel, mit einem unwirklichen Blick über diese kleine Stadt in der Bucht mit den vielen Hochhäusern.

Nach einem letzten Abend, an dem wir uns in die lokale Szene aus Stripclubs, Coverbands und sich selig in den armen liegenden, mitsingenden Briten vorgewagt hatten, war es dann auch wieder Zeit zu gehen und wir nahmen einen frühen Flug zurück nach Berlin, wo am Abend mein lieber Freund Tim Peters seinen Geburtstag feiern wollte.

Erst verbrachte ich den Nachmittag aber noch inmitten der Journalisten David Baum und Paul Ronzheimer und in Begleitung der Lebemänner Philip Mollenkott und Constantin von Rothenburg im Garten des Kaffeehauses Einstein in Schöneberg, die weinselig allerschönste Geschichten aus ihren jeweiligen Leben erzählten, während ich einfach nur zuhören konnte, was doch immer noch am schönsten ist.

Auf dem Weg zur Geburtstagsfeier fuhr ich ein unentschiedenes Wettrennen gegen Philip Mollenkott, holte Leyla und Robert zuhause ab, sammelte Giannina, Cheyenne und Abdel mehr oder minder zufällig auf der Torstraße spazierend ein, freute mich darüber, dass wir alle in diesem Dörfchen Mitte so nah beieinander wohnten und man eigentlich überall ganz bequem und schnell zu Fuß hinkommt, und so gingen wir dann in den Rose Garden und feierten Tim und seinen Geburtstag mit all unseren Freunden.

Während Giannina schon am frühen Sonntagmorgen wieder zurück nach Los Angeles fliegen musste, verbrachte ich diesen heißen Tag mit nicht vielmehr als einem ausführlichen Gespräch über den Feminismus alter weißer Männer mit der Autorin Sophie Passmann, die darüber ein Buch schreiben möchte und wird. Und auch wenn ich mich ob der Hitze nicht mehr an alles gesagte so genau erinnere, meine ich, nicht nur Quatsch erzählt zu haben, aber natürlich auch solchen Käse, wie, dass man als alter weißer Mann geboren wird, was ja gar nicht stimmt.

Die Nacht auf Montag verbrachte ich eher wach als schlafend.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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