Was gewesen ist: Woche 6 (2018)

Während im Zuge der Verhandlungen zur großen Koalition und beim Geschacher um Ministerposten in Berlin die politische Kultur in etwa genauso litt, wie der von Medien und eigener Partei rausgeprügelte Martin Schulz, verbrachte ich meine Woche fernab des Schlachtfelds und weit angenehmer – und zwar in der Schweiz.

Am Montag war ich nach Zürich geflogen und hatte mir abends die Modenschauen der „Mode Suisse“ angeschaut, einer Art sehr kurzer Fashion Week. Insgesamt zeigten knapp ein dutzend schweizerischer Designer ihre Mode, aneinandergereiht in einer episch langen Modenschau, die vor allem dadurch überraschte, dass auch die Zuschauerplätze hell ausgeleuchtet waren und nicht, wie sonst üblich, verdunkelt. So konnte ich während der Schau in die gesunden und wachen Gesichter der Schweizerischen Gesellschaftsdamen schauen, die sich hier mit echtem Interesse und wohl auch Kaufabsicht die Mode ihrer lokalen Designer anschauten – je nach dem, was eben zum Pelzmantel passt.

Im Anschluss gab es noch einen bei einer solchen Veranstaltung üblichen Cocktailempfang im größeren und ein Dinner im kleineren Rahmen und dann war sie auch schon vorbei, die Mini-Fashion Week in der pittoresken Bankenstadt und ich fuhr weiter auf den Berg (und hörte auf dem Weg noch einmal ganz kurz in den Podcast rein, den ich einige Tage zuvor mit einem Journalisten von der ZEIT aufgenommen hatte und in dem es darum ging, wie ich arbeite und was ich den ganzen Tag lang so mache, und um DIY-Ästhetik des Punkrock und den Power-Trance von Gigi D’Agostino ging es auch).

Meine Tage im Wallis, auf gut zweitausend Metern Höhe, mit Blick in die Sonne und quasi direkt auf Italien, waren dann vor allem gefüllt mit Skifahren und Essen und der permanenten völligen Verzweiflung über die extrem hohen Schweizer Preise, denn hier kostete alles zwar schon immer viel, aber diesmal irgendwie noch mehr, weil der Franken zum Euro ganz besonders grimmig stand oder andersrum, jedenfalls kostete mich eine Tasse Kaffee 7,- Euro und das fand ich zu viel, vom Rest ganz zu schweigen, und es schmerzt mich, darüber auch nur nachgedacht zu haben, weil mir jeglicher Geiz völlig fern ist und ich so doch nie sein wollte, aber die Realität, sie war schlicht stärker, als mein Wunsch nach finanziellem Gleichmut.

Dass der Bayer Horst Seehofer aus dem Bundesinnenministerium ein Bundesheimatministerium bauen möchte, beobachtete ich also aus meiner anderen Heimat, dem Haus, das mein Großvater einst für seine und damit auch meine Familie in der Schweiz gebaut hatte, und in das ich seit sehr jungen Jahren immer wieder gefahren war. Und auf Twitter laß ich dann, dass das totaler Schwachsinn sei, die Heimat in einem Bundesministerium steuern zu wollen, weil Heimat eben nicht national sei, sondern regional oder familiär, und ich fand das sehr nachvollziehbar, weil dieses Haus dort auf dem Berg ja meine Heimat ist, die Schweiz aber nicht, auch weil ich die Leute dort gar nicht verstehe und sie mich nicht oder das vielleicht auch nur nicht wollen.

Außerdem beobachtete ich, wenn ich nicht gerade etwas unelegant, aber durchaus pfeilschnell die Berge auf meinen frisch geschliffenen, jedoch schon einige Winter alten Skiern runterfuhr oder ohnmächtig vielstellige Rechnungen in Restaurants beglich, wie der südafrikanische Unternehmer Elon Musk, der mit seinem gesamten geilen Geld, also gut zwanzig Milliarden US-Dollar und sicherlich auch einigen Bitcoins, alle Hungerprobleme auf der ganzen Welt lösen könnte, ein Elektro-Auto seiner Marke Tesla ins Weltall schoß und weiter davon fabulierte, eine Marskolonie für das Bürgertum gründen zu wollen, auf der er und seinesgleichen, das eine Prozent also, von dem immer alle reden und dann doch nicht tun, es sich dann gut gehen lassen könnten, während auf der Erde das Wasser knapp wird.

Und dann beobachtete ich von meinem Adlerhorst aus, durch das Opernglas meines mit dem Internet verbundenen iPhones, wie in Köln und anderswo die Weiberfastnacht gefeiert wurde, ein Fest also bei dem es ein lieber Brauch ist, dass ein paar Stunden lang gespielt wird, dass die Weiber in der Gesellschaft die Macht haben und alle herzlich lachen.

Und weil auch auf ARTE, ich hatte dort oben auf dem Berg einen Fernseher stehen, dann nur eine sehr merkwürdige Dokumentation über die legendäre Sleaze-Rock-Band „Guns n Roses“ lief und auf den anderen Kanälen nur die Dolchstoßlegende der SPD und erstaunlich wenig von der müden Kanzlerin, fuhr ich am Samstag wieder hinab, ins Tal und dann flog ich zurück nach Berlin, in meine andere Heimat, wo es bald das dazugehörige Ministerium geben würde und viel eher noch die große Ausstellungseröffnung des Videokünstlers Arthur Jafa in der Julia Stoschek Collection.

Viertausend Gäste waren gekommen, an diesem Samstagabend, um sich die wirklich kraftvolle Ausstellung anzuschauen und damit Jafas Werk, das gängige kulturelle Aussagen über afro-amerikanische Identität und ethnische Zugehörigkeit thematisiert, hinterfragen und in neue Kontexte stellt, wie zum Beispiel die wandfüllende Fotografie, auf der eine große Gruppe schwarzer Schulmädchen vor einer schlaffen US-Flagge den Hitlergruß zeigt, während man sich über Kopfhörer souligen Funk mit verzerrtem Solo-Distortion-Bass anhören kann. Und wenn eines in dieser Woche gut war in Berlin, dann war es sicher diese Ausstellung.

Den Sonntag beging ich dann mit der stundenlangen Lektüre sämtlicher tagesaktueller Nachrichten, bis mich der Handyakku noch vor meiner größer werdenden Verzweiflung zur Aufgabe zwang und ich mich seither gedanklich dem nächsten Dandy Diary-Großprojekt, der Stufe Clear quasi, dem Großreinemachen, widme. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

P.S.: Wie oben bereits klammerhaft erwähnt, habe ich vor ein paar Tagen, unten im Tal, für die @zeit einen Podcast aufgenommen, in dem der Journalist @danielerk mit mir über die Arbeit spricht, ein bisschen über Punkrock und den energetischen Power-Trance von Gigi D’Agostino, natürlich auch über #DandyDiary und darüber, wie es ist, in Kneipen dichtgelabert zu werden (doof). Hier gibts den Podcast.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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