Was gewesen ist: Woche 9 (2018)

Obgleich ich schon früh wach gewesen war, traf ich meinen Freund Rafael Horzon erst ungewöhnlich spät zum Mittagessen, es muss die sprichwörtliche „African Time“ gewesen sein und so sprachen wir auch abermals über Afrika, wo sich das Schicksal der Wanddekorationsobjekte endlich zum Guten wenden würde, und planten, während unserer Reise nach Nigeria nicht allzu viel Zeit staunend an den weltbekannten Wasserfällen zu verbringen, sondern uns mit vollem Einsatz dem Geschäft zu widmen und damit der Zukunft. Das Rauschen des Geldes konnten wir schon gut hören, als wir uns eine eiskalte Caponata teilten, dazu eine Fanta mit nur noch wenig Kohlensäure. Die Reise sollte zwar erst im August stattfinden, der Aufregung tat das jedoch keinen Abbruch.

Abends war es dann so weit, meine Aufregung hatte ich mir vorher noch schnell beim Kampfsport ausgetrieben, und ich hörte in der ersten Reihe des „Studio Я“ im Gorki Theater dem eiskalten Jungpolitiker Kevin Kühnert zu, wie er erklärte, warum die SPD nicht mit Angela Merkel regieren sollte. Aber steht alles ja auch schon hier.

Am Dienstag nahm ich mit Giannina den angenehmen Mittagsflug nach Paris. Angenehm deshalb, weil wir nicht höllisch früh aufstehen mussten, um dann rotäugig mit Geschäftsmännern und deren Aktentaschen um die Wette zu drängeln, und angenehm auch deshalb, weil wir am frühen Nachmittag in Paris ankamen und der Verkehr in die Stadt verhältnismäßig flüssig war. Bestgelaunt kamen wir also bei strahlendem Sonnenschein und minus tausend Grad in der Stadt der Liebe an und ließen uns bei einer Tasse Kaffee von einem Kellner schlecht behandeln. Alles war perfekt!

Am Nachmittag besuchten wir unseren Freund Amedée Till in der Galerie Suzane Tarasieve, wo er seit einigen Wochen arbeitet, schauten uns die Ausstellung des deutschen Fotografen Juergen Teller an, der die allermeisten gezeigten Bilder mit einem iPhone fotografiert hatte. Den Ausstellungskatalog hatte Teller unüblicherweise erst nach Ausstellungseröffnung drucken lassen, damit unbedingt noch ein Foto reingenommen werden konnte, das ihn bei ebendieser Eröffnung in kurzer Hose und Pelzmantel auf einem weißen Pferd durch seine eigene Ausstellung reitend zeigt. Dass das natürlich viel zu viel ist, ist klar. Saucool ist es aber eben auch.

Abends aßen Giannina und ich natürlich in der Brasserie Lipp, einem der wirklich allerbesten Orte Paris‘, und wir aßen das beste Kartoffelpüree der ganzen Welt. Dass die freundliche Garderobiere aussieht wie Sarah Wagenknecht, wenn die denn mal lachen würde und die Haare offen tragen, sei außerdem angemerkt. Ebenfalls, dass kurze Hosen in diesem Lokal, so steht es auf den Schildern, verboten sind. Nimm das, Juergen!

Den Mittwoch verbrachten Giannina und ich mit dem Fotografen Raphael Elicha, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, Paare in Paris zu fotografieren, und nun also auch uns.

Zurück in Berlin traf ich David und wir fanden nicht weniger als die goldene Zukunft unseres Imbissbuden-Imperiums! Doch dazu später mehr.

Bevor wir darauf mit einem kräftigen Schluck alkoholfreien Biers auf Stefanie Giesingers Party in der „Wilden Renate“ anstoßen konnten, war ich noch zum Abendessen im Grill Royal verabredet. Rafi Horzon hatte geladen und glücklicherweise nicht nur mich, sondern auch die Afrika-Experten Arne Schneider und Franz von Stauffenberg.

Während Arne mit harten Fakten glänzte, vermittelte Franz eher Gefühle und davon vor allem das eine: Anything Goes!

Arnes Hinweise habe ich, damit ich bloß nichts vergesse, protokolliert. Hier die wichtigsten Punkte:

  • Gibt es einen unsicheren Stadtteil, in den wir besser nicht gehen sollten? „Die ganze Stadt ist ein Stadtteil, in dem man sich nicht aufhalten sollte.“
  • Kein Wasser, kein Strom, kein Nahverkehr.
  • Die Gefahr, dass etwas passiert, ist sehr groß.
  • Bestes Restaurant: „Kaktus“. Grundsätzlich sind alle Restaurants die von Libanesen geführt werden gut. Alle anderen: nicht.
  • AUF KEINEN FALL ZU FUSS GEHEN!
  • „Da kidnappt euch WAHRSCHEINLICH keiner“
  • Richtung Norden fahren? „LASST ES!“

Meine Vorfreude auf diese Geschäftsreise stieg mit jeder weiteren scharfen Warnung ins Unermessliche.

Am Freitag widmete ich mich dann allerdings erstmal der hiesigen Kultur und wühlte im Lichtenberger „Don Xuang Center“ in den riesigen Lagerhallen des asiatischen Großmarkts nach einem rosafarbenen Kimono, den wir als grobes Designmuster für einen erotischen Morgenmantel nutzen werden, und wurde fündig. Bei meinem lieben Freund Stefan Schumitz, Tattoo-Legende aus Kassel, gab ich sofort eine japanische Aktzeichnung in Auftrag und auch sonst war der Freitag ein Tag voller Freude.

Den Abend verbrachte ich in Pankow und ließ mich vom legendären DJ Quid Haden, der übrigens aktuell eine leerstehende Bar in Berlin sucht, um diese zu mieten und einen nicht minder legendären Ort für sich und die Seinen zu schaffen (Hinweise bitte gerne an mich), mit Spätzle, Salat und Apfelmus reich bekochen, während meine Schulfreundin Anne Rünkler mir erzählte, wie ihr zweijähriger Goldhamster höchstwahrscheinlich ums Leben kam, was dann auch der einzig nicht so freudvolle Moment des Tages war.

Wie jeden Tag wachte ich am Samstag punktgenau um 7:30 Uhr auf und setzte mich im größten Raum meiner Wohnung gelegenen Arbeitszimmer (bcc: Finanzamt Mitte/Tiergarten) an den Schreibtisch, tippte diese Zeilen hier in vorauseilendem Wissen in das Dienst-Macbook (bcc: Finanzamt Mitte/Tiergarten) und bereitete dann gegen 10:15 Uhr Giannina und Cheyenne, die sich im Nachbarzimmer angeregt unterhielten, jeweils einen Vodka mit Ginger Beer zu, den ich in zwei Kristallgläsern servierte.

Am nicht viel späteren Vormittag junglete ich zum Kiosk in der Novalisstraße, um dort die aktuelle „Die Zeit“ zu kaufen, die ich dann von ganz vorne bis ganz hinten im Café Bravo durchlas und dabei auch das 99-Fragen lange Interview meines Freundes Moritz von Uslar mit dem Neu-Late-Night-Talker Klaas Heufer-Umlauf, der allerdings gar nicht so sehr groovende Antworten auf die Fragen gab. Die schönste Stelle kam aber ohnehin von Moritz und die war und ist der Satz: „Ey, komm.“ Das ist schon sehr heiß.

Auch schön: die Spalte von Lars Weisbrod über die Arte-Serie „Bad Banks“. Und: die Fotos von Peter Kaaden im „Zeit Magazin“.

Es war sehr kalt und deshalb brauchte ich dringend eine Suppe, die ich mit Rafi Horzon einnahm, der ohnehin ein neues Food-Video für seine Insta-Story drehen musste. Unsere beiden Leben griffen wie Zahnräder ineinander. Es gibt keine Zufälle.

Moritz von Uslar aß gegenüber mit einem jungen Breakdancer und seinem nicht nach mir aber wie ich benannten Sohn Carl zu Mittag, was sich gut traf, weil wir so zwei superschnelle Espressi runterziehen konnten und ein bißchen dummes Zeug reden, wie wir es gern tun, wenn uns hoffentlich niemand zuhört.

Die Sonne schien und sobald das an einem kalten Samstagmittag in Berlin-Mitte der Fall ist, sehen dann insbesondere in der Auguststraße alle Menschen, außer Moritz, der wie MacGuyver aussah und ich, der wie ich aussah, plötzlich aus, wie Münchner, was daran liegen könnte, dass es Münchner sind, die das Wochenende hier verbringen, in ihrer Zweitwohnung, weil hier alles so günstig ist und so aufregend cool.

Auf dem Heimweg lief ich noch kurz in eine hässliche, aber letztlich nicht sonderlich große, beeindruckende oder gar angsteinflößende Nazi-Demo hinein, und hatte den dringenden Wunsch, eine Silvesterrakete hineinzuschießen, was sicher für tolle Effekte gesorgt hätte, zwischen all den Fahnen und den ungesunden Gesichtern, der geifernden Schweine.

Den Abend verbrachten Giannina und ich mit einem guten dutzend weiterer Freunde und Assoziierter im kleinen Restaurant „Themroc“, in dem wir so gern aßen, und feierten den Geburtstag von Cheyenne, die wie wir alle jeden Tag einen Tag älter wird. Für die sechshundert Meter von unserer Wohnung ins Restaurant hatten wir der Kälte und der fortgeschrittenen Zeit wegen ein Taxi genommen, was sicher einer der dekadentesten Momente meines an dekadenten Momenten nicht gerade armen moralischen Abgrund namens Leben darstellte.

Und am siebten Tage sollte ich ruhen.

Category: Die Woche: was gewesen ist

Von: Carl Jakob Haupt

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