What if? – Fragen an Bill Kaulitz

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Ich stehe auf meinem Sitzplatz, ich hüpfe, springe nicht, kann aber alles mitsingen, mitschreien. Alle schreien jetzt und Bill mit uns. Wir, das sind ca. 10000 beim Konzert hier und jetzt ist eine Zeit, zu der man Liedtexte aus CD Booklets und der Bravo auswendig lernte. Schrei! ist unser Schlachtruf, war mein Weckruf und das Ende meiner Kindheit, Durch-den-Monsun-singen im abgedunkelten Zimmer mit Diskokugel und blauer Neonröhre der Beginn von allem Anderen.

Es ist ein Sonntag im Jahr 2018, Tokio Hotel gibt ein Konzert in Berlin, davor treffe ich Bill zum Interview. Wir werden über seine Kollektion sprechen und ein bisschen über früher, jedenfalls nicht über seinen Bruder und Heidi Klum, warum auch? Er wird mir erzählen, dass er über dieses Früher gar nicht so viel nachdenke. Ich hingegen komme angesichts der Situation nicht umhin alles im Gegenschnitt zu den Erinnerungen an mein erstes Tokio Hotel Konzert – und überhaupt – zu erleben. Ich habe das Shirt dabei, das ich damals am 27.4.2007 in der Leipzig Arena gekauft habe. Location und Datum stehen hinten drauf. Es war die Zimmer483 Tour, ich war 11 und mit meinem Vater da, auf der bestuhlten Loge rechts von der Bühne. Das waren die gemachten Zugeständnisse an elterliche Sorgen angesichts der Zeitungsberichte über kollabierende Teenies.

Diese Teenies sind jetzt alle keine mehr, aber sie sind noch da. Ich werde etwas nervös, als ich an der langen Schlange anstehender, beziehungsweise weil schon seit einiger Zeit hier, sitzender Fans vorbeilaufe. Vorne gliedert sich das Ganze auf, es gibt einen SCREAM, ROOM483 und KINGS OF SUBURBIA Eingang. Was es damit auf sich hat, erfahre ich nachdem ich den PRESSE Eingang passiert habe. Man erklärt mir, dass es unterschiedliche Preisstufen von Tickets gäbe und man beispielsweise mit einem Scream Upgrade für den doppelten Ticketpreis 15min. vor den anderen rein darf, um dann evtl. 1,5m weiter vorne zu stehen.

Jetzt aber ist die Halle noch leer bis auf etwas Nebel und lila Licht und einige verstreute Crew Mitglieder. Man führt uns über eine Treppe nach oben ins Backstage und da ist man dann doch immer wieder überrascht von der Trostlosigkeit solcher Hinterzimmer, die ja vor allem deshalb so trist wirken, weil man sich so viel davon erhofft, so viel hineininterpretiert in die Räume hinter den Türen, die dem normalen Besucher verschlossen bleiben. Hier könnte man kaum weiter entfernt sein von Bandroom Romantik, Groupie Eskapaden oder Rauschmittelexzess. Alles ist hell und wirkt fast klinisch sauber und weiß. Wir gehen durch einen Gang, im angrenzenden Zimmer erhascht man einen kurzen Blick auf die gesamte Band, die da etwas verloren rumsteht zwischen all den Meet&Greets, Fan Soundchecks und Fototerminen, die das Konzert begleiten und die Tür eben doch jenen öffnen, die bereit sind zu zahlen.

Uns führt man ins Zimmer nebenan. Hier stehen 2 Couches, 2 Wasserflaschen auf einem Tisch und ein Stuhlkreis, der seltsam an Seminar oder Kindergarten erinnert und eben das hat hier offenbar auch kurz zuvor stattgefunden. In der Ecke auf einem weiteren Tisch Fangeschenke: ein handschriftlicher Brief, eine lila Orchidee und einige leicht derangierte Plastiktüten, vielleicht hat sich ja doch nicht so viel verändert. Das zumindest erinnert an die Bravo Fotos, die man im Kopf hat. Davor steht eine halbleere Flasche Jack Daniels, die hier so gar nicht hinpasst und aussieht als wäre sie noch übrig von einer anderen Band. Vielleicht von Rammstein, deren überdimensioniertes gerahmtes Poster an der Wand hängt.

„Aah schön kühl hier“ – sagt Bill, als er nach wenigen Minuten des Wartens den Raum betritt.
Er trägt blaue Nike VaporMax Plus, ein grünes Shirt von Champion, ein rotes Paisley Bandana um den Hals geknotet und dazu passend eine silberne Brille mit roten Gläsern. Als er sich nach der Begrüßung aller setzt, muss er erstmal den unteren Teil seiner ultra destroyed Jeans hochziehen. Obwohl das, wie er gleich berichtet, sein ungefähr zehntes Treffen heute ist, wirkt er sehr wach und offen. Er redet und lacht viel. Sein ganzes Verhalten, das das Gespräch angenehm und mich weniger nervös macht, ist eine Mischung aus ostdeutscher Direktheit und LA Wohlfühllogik.
Das scheint der Schlüssel zu sein, um den ganzen Trubel auszuhalten. An einem Tag wie heute hat er nur eine Stunde für sich und jetzt aber noch die Zeit mir zu erzählen, dass er dann immer nervös ist vor der Show, auch nach all den Jahren.

Dandy Diary: Gehst du später so auf die Bühne?

Ne, es gibt feste Bühnenkostüme, damit ich mir nicht jedes Mal Gedanken machen muss, das ist entspannt. Aber das Hektische ist, ich habe 30 Sekunden zwischenzeitlich nur zum Umziehen und dann zerren 30 Leute an mir rum und müssen alle gleichzeitig das abnehmen und aufsetzen. Die Idee von der ganzen Show ist ja, dass wir quasi mit unserer Dreammachine so ufomäßig landen auf der Bühne und darum sind wir alle im Kapitänslook. Also eigentlich bin ich der Kapitän und die anderen sind meine Assistenten. Und alle haben Raumanzüge an am Anfang und die Jungs behalten das die ganze Zeit an und ich wechsele glaube ich 4mal das Outfit.

Dandy Diary: Überlegst du dir die Kostüme selbst?

Ja, also das ist immer der schönste Part für mich an so einer Show, dass ich die Outfits machen kann. Diesmal habe ich die Outfits für die Jungs auch gemacht. Ich arbeite da mit einer Designerin aus Berlin zusammen. Meistens ist es so, dass ich mit 20 Ideen komme und dann machen wir ein riesen Moodboard und dann zeige ich ihr erstmal so was ich mir vorstelle und sie sagt mir dann was geht und was nicht. Aber ich kann tatsächlich auch selber ein bisschen sketchen und sowas. Also das ist schon meine Leidenschaft, ich könnte das nie aus der Hand geben und Jemandem sagen: mach mal!

Dandy Diary: Euer Merch hast du ja auch selbst entworfen. In der momentanen Zeit der Logomania kann man Bandshirts auch außerhalb von Bett und Fitnessstudio anziehen.  Trägst du das privat?

Ich muss immer ein bisschen gucken, weil manchmal will man ja auch inkognito unterwegs sein und wir tragen alle den ganzen Tag unseren Merch und ich glaube das sieht total bescheuert aus, wenn man manchmal dann so Tokio Hotel da draufstehen hat. Aber die Sachen sind total geil, wir lieben die alle privat und wir ziehen die alle an und die ganze Crew rennt auch damit rum.

Dandy Diary: Wenn du sagst du hast die Kollektion designt. Was bedeutet das? Wie gehst du vor?

Wir haben zuerst Rohlinge gehabt wie früher, wo wir einfach die Motive draufgedruckt haben und die Sachen fertig sind. Dann habe ich angefangen mit dem Sweater, ich hab diesen Hoodie selber gemacht, weil ich fand es gab keinen geilen Rohling. Also habe ich angefangen die Fabrics auszusuchen und einen Cut und dann fanden alle diesen Hoodie so toll, so dass wir meinten, wir können eigentlich gar keinen normalen Merch mehr machen, wir müssen das jetzt alles selber machen. Und dann dachte ich: ja stimmt, das muss dann halt ein bisschen teurer sein, das kannst du natürlich nicht zu den gleichen Preisen anbieten. Dann bin ich da komplett eingestiegen.
Ich mache das jetzt mit einer Berliner Firma zusammen, die machen auch die 032c Sachen. Maria und ich haben das irgendwann festgestellt, weil wir im Office ineinander reingelaufen sind. In 2-3 Wochen kommen jetzt auch nochmal 5 Teile dazu. Ich will nicht in Kollektionen arbeiten, sondern ich will einfach immer Teile adden. Also es soll kein Stillstand sein, jetzt ist mir eigentlich grade zu viel Pause.

Dandy Diary: Welche Sachen kommen denn?

Ich mache ein Old School Tokio Hotel Shirt, darum lustig, dass du das da hast. Wir bringen so ein bisschen den Trash back, ich habe ein altes Bild von uns aus der Bravo, da steht dann ganz schäbig Tokio Hotel drüber. Dann mach ich so ein schwarzes Shirt mit einem Stick drauf ‘‘Mommy is gonna be very tired tomorrow.“
Und wir machen einen ganzen Anzug mit Hose zum ersten Mal. So in die Richtung Motorcycle Racing Club. Mit einem übergroßen Sweater mit Reißverschluss und ein Bandana. Und für den Sommer mache ich noch Handtücher.

Dandy Diary: Zum Thema Merch: Ich habe hier ein altes Tokio Hotel Shirt – mein erstes Bandshirt – dabei von 2007. Darauf sieht man dich noch mit langen Haaren und Strähnchen. Ihr wart mit Tokio Hotel damals stilprägend für die Emo Bewegung, die jetzt im Hip Hop mit Rappern wie Lil Peep wiederauflebt. Nietengürtel, Nagellack und Ringe an Männerhänden, Schweißbänder und Schlaghosen sind wieder hip und im Vergleich zur früheren subkulturellen Randerscheinung fast Mainstream.
Wie erlebst du dieses Come Back?
Also ich glaube das ist ja mit allen Sachen so ein bisschen, die kommen alle immer wieder. Also wer weiß, vielleicht habe ich auch irgendwann mal wieder schwarze Fingernägel.


Dandy Diary: Kannst du dich mit der Szene identifizieren?
Eigentlich nicht so. Aber ich bin auch nie so mit irgendwelchen Bewegungen mitgegangen. Also damals war ich irgendwie sowieso bei uns an der Schule und überall der absolute Freak.

-setzt die Sonnenbrille ab: „die sah so schön zum Outfit aus“-

Das war ja überhaupt nicht modisch zu der Zeit, also keiner fand das irgendwie geil. Ich hatte mit der Emo Bewegung auch gar nicht so richtig was zu tun. Also klar habe ich depressive Texte geschrieben, weil ich glaube, dass ich als Kind auch schon Depressionen hatte. Aber ich habe mich jetzt nie so richtig mit dieser Szene verbunden gefühlt. Ich bin zur Halloween Party gegangen, fand es cool meine Nägel anzumalen und meine Haare aufzustellen und so. Heute ist es auch noch so, ich bin nicht der, der irgendwo langblättert und guckt was grade in ist oder was gibt’s grade für Bewegungen und welche Szene.

Ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht, wo ich dazu gehören kann.

Bill Kaulitz

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Dandy Diary: Ich habe das Shirt vor ziemlich genau 11 Jahren am 27.4.2007 beim Konzert in Leipzig gekauft. Was ist passiert zwischen damals und jetzt?

Oh Gott! Das fühlt sich manchmal ein bisschen an wie ein anderes Leben. Ich glaube jeder selber kann das auch nachvollziehen, man kann sich ja gar nicht mehr erinnern wer man damals war mit 15, 16, 17. Also klar, ich kann mich da nochmal so reinfühlen, aber das fühlt sich natürlich an wie eine Ewigkeit. Wir spielen jetzt auch nicht mehr so viele Songs von damals. Also es gehört alles dazu und das war auch total wichtig und das war auch mega die Zeit aber ich lebe so total selten in der Vergangenheit

-aus dem Nichts betritt jemand den Raum und stellt Bill neben seine mitgebrachte Fritz Kola eine neue Dose Red Bull-

Ich glaube das ist einfach Leben leben. Wir sind dann irgendwann nach LA gegangen, vor 8 Jahren und da haben wir das erste Mal ein erwachsenes Leben geführt, da waren wir 20 und vorher waren wir ja auch so isoliert. Wenn wir nicht auf der Bühne standen, saßen wir in nem Raum und der wurde zugemacht und wir konnten nicht vor die Tür gehen. Da (in LA) habe ich dann auch angefangen mich äußerlich total zu verändern, weil ich dann auch mal auf der Straße rumlaufen konnte und aus meiner Blase rausgekommen bin. Deshalb denke ich einfach das freie Leben, das hat das so ein bisschen verändert bei mir.
Aber ich veränder‘ mich ständig, ich kriege das gar nicht mit, manchmal laufe ich irgendwo rein und alle sagen Mensch du siehst ja schon wieder ganz anders aus und manchmal, wenn ich in meinem Instagram rumscrolle, dann sehe ich tatsächlich vor 3 Wochen noch ganz anders aus. Ich liebe einfach Veränderungen.

Dandy Diary: Magdeburg – Los Angeles ist ja eigentlich die Kurzfassung deiner Geschichte. Ist das auch der Grund, weshalb die beiden Städte Motiv für die Kollektion sind?

Auch weil es die Extreme sind. Also Georg und Gustav zum Beispiel leben ja immer noch in Magdeburg. Wir sind ja so krass unterschiedlich alle, wir passen eigentlich 0 zusammen, wenn wir nicht zusammen aufgewachsen wären, würden wir kein Wort miteinander reden, was aber ganz gut ist, deswegen sind wir heute auch noch eine Band, wenn du da 4mal Bill hättest, das ginge ja überhaupt nicht.

Ich wollte halt mit der Kollektion auch so ein Ding finden was uns verbindet alle und was wir alle tragen können. Und tatsächlich ist es dann am Ende ganz oft nur das Styling, also wie man die Sachen anzieht, was sich unterscheidet.

Dandy Diary: Ästhetisch erinnern deine Entwürfe eher an Berlin als an Magdeburg. Auch das letzte Album war ja stark von Berlin inspiriert. Was fasziniert dich hier?

Ich glaube einfach diese Vielfalt und die Freiheit. In LA muss man ja immer noch um 2 nach Hause gehen, dann darf man nicht mehr trinken und da wird einem der Alkohol weggenommen, wie bei so kleinen Kindern. Ich liebe LA für die Freiheit, die ich da gefunden habe, in meiner speziellen Situation. Wenn ich jetzt nicht das Leben gelebt hätte, bin ich mir nicht sicher, ob ich mir LA ausgesucht hätte. Aber für uns hat das einfach super gut gepasst und ich würde auch nie wieder da weggehen.
Berlin ist schon irgendwie interessanter, es gibt irgendwie geilere Clubs und Szene. So was gibt’s einfach in LA überhaupt nicht, da gibt’s 3 Läden, wo alle hinrennen. Aber es gibt auch nicht diese coole Undergroundszene oder du gehst in irgendein Abrisshaus auf einmal ist da ein geiler Club drin wie in Berlin. Das hast du 0, das hast du gar nicht. In Downtown gibt’s so ein paar Afterhour Läden, wo dann mal ne Garage aufgeht, aber es ist jetzt nicht so wahnsinnig spannend. Es ist alles so ein bisschen Glamour, Palmen und Sonne.

Dandy Diary: Werden du und Tom, ihr wohnt ja zusammen, irgendwann herziehen?

Ich könnte mir vorstellen was Zweites hier zu haben. Ich glaube unseren Lebensmittelpunkt werden wir immer in LA lassen, weil es für uns einfach entspannter ist. Wenn wieder viel gequatscht wird und man wieder ganz viel in irgendwelchen Tabloids ist, dann ist es schön, wenn man dahin kann, da verändert sich die Sichtweise, dann ist das nicht so präsent. Und in Amerika ist die Presse immer sehr viel netter.

Dandy Diary: Bis jetzt entwirfst du deine Sachen ja entweder als Merch oder Bühnenoutfit. Könntest du dir vorstellen auch losgelöst von Tokio Hotel ein eigenes Label zu haben?

Das ist eigentlich mein großer Traum! Das will ich eigentlich irgendwann unbedingt machen. Seitdem ich ganz klein war, war immer meine große Leidenschaft Mode und Singen. Ich muss das unbedingt machen, das ist total überfällig. Also Tokio Hotel ist natürlich mein Baby und wenn da was ansteht hat das immer Priorität. Darum muss ich mit allen anderen Sachen, die ich so mache, gucken, dass die sich dem Plan von Tokio Hotel anpassen. Am liebsten würde ich erstmal für irgendwen was designen, für irgendein Label, dass es schon gibt, einfach so “by Bill Kaulitz”. Frag mich nicht welches, aber …

Dandy Diary: Das wäre jetzt aber schon interessant zu wissen.

Natürlich gibt es so Traumlabels, aber die würden das natürlich niemals machen, weil die Stardesigner haben. Also mein absolutes Traumlabel ist zum Beispiel Saint Laurent. Mein Kleiderschrank ist voll mit den Sachen, auch wenn die extrem überteuert sind. Lange Zeit habe ich nur in Röhrenjeans von Dior gepasst und hatte nur Hosen von Dior Homme. Ich habe wahrscheinlich das meiste Geld in meinem Kleiderschrank in Dior Hosen investiert. Und mein Traum ist natürlich Hedi Slimane, den vergöttere ich, das ist so mein Hero. Aber klar, das ist natürlich unrealistisch.

Dandy Diary: Wie würde deine erste Kollektion aussehen? Was inspiriert dich grade?

Das sind so ganz spontane Sachen, ich schreib mir immer Notizen in mein Handy.


Dandy Diary: Im Interview mit dem Whitelies Mag hast du gesagt, dass früher David Bowie für dich eine große Inspiration war. Kommt daher auch der Hang zur Extravaganz?

Ich glaube ja. Lange war mir das gar nicht bewusst, dass David Bowie so einen Impact hatte auf mein Leben, aber (er deutet auf das alte Shirt) das sind ja die Haare vom Koboldkönig aus das Labyrinth. Und diesen Film hatten wir auf Videokassette und der lief bei uns den ganzen Tag rauf und runter. Ich wollte immer so einen Umhang haben und der hatte ja so geile Leggins an und die Haare. Die Musik in dem Film fand ich auch toll, dazu habe ich früher auch immer gesungen und getanzt.

Dandy Diary: Wie Bowie hast du von Anfang an in deinen Looks mit der Androgynie gespielt, du thematisierst Cross Dressing und Transsexualität auch im Video zu deinem Song boy, don’t cry. Woher kommt das Interesse an diesem Thema?

Ich glaube einfach, weil ich damit schon immer konfrontiert war. Schon auf der Schule, ich kam da ja so geschminkt. Ich habs mir nicht einfach gemacht auf dem Dorf so rumzulaufen. Ich weiß noch, jedes Mal, wenn ich auf Toilette gegangen bin, kam von irgendwo ein Spruch: “Du musst auf das Mädchenklo gehen..”, “Du darfst das nicht anziehen..” Alle riefen mir irgendwas hinterher. Das war für die Leute immer der größte Störfaktor. Ich weiß noch, als wir aufs Dorf gezogen sind, hatte ich ganz lange Haare und so ein kleines Gesicht und tolle Haut. Auf der Schule haben sich alle Jungs in mich verliebt und meinem Bruder dann die ganzen Liebesbriefe mitgegeben für seine Schwester. Als die rausgefunden haben, dass ich ein Junge bin, war das für die natürlich ein Albtraum und alle wollten mir auf die Fresse hauen. Das waren so Erfahrungen in meinem Leben, wo man sieht wie nah da auch der Hass liegt. Ich meine wie abgefahren ist das, du schreibst grade einen Liebesbrief, dann findest du raus, dass das ein Junge ist und dann willst du dem auf die Fresse hauen. Wie krass ist das denn?

Dandy Diary: Ist das Durchbrechen von Geschlechterrollen für dich mehr ein Spiel oder eine tatsächliche Befreiung?

Eher eine persönliche Befreiung, obwohl ich auch immer gerne damit provoziert habe.

– er unterbricht seine Antwort und deutet auf meinen Rucksack aus grünen Dosenöffnern: “Die Tasche ist so cool, die gucke ich mir die ganze Zeit an.” –

Also für mich waren das eh weiche Übergange, ich fand immer, dass es wichtig ist, dass man da total frei ist.

Für mich gab es nie, das ist für Männer und das ist für Frauen, für mich gab es immer nur unterschiedliche Größen.

Bill Kaulitz

Dandy Diary: Glaubst du an ein Happy Ending?

Nee!
Ich bin eigentlich schon positiv eingestellt, aber das wäre mir zu einfach zu sagen, am Ende wird alles gut, also das kann man nicht so allgemein sagen. Für manche bestimmt schon, aber für mich vielleicht nicht.

Nach dem Ende des Interviews lädt Bill uns ein noch zum Konzert zu bleiben, auf das zumindest dieser Abend ein Happy End habe. Die Show hat dann tatsächlich sehr wenig zu tun mit der von vor 11 Jahren. Wie angekündigt werden fast ausschließlich neue Songs gespielt, Bill spricht die meiste Zeit Englisch, alles erinnert eher an Nachtclub als an Rockkonzert und die Hysterie hat deutlich abgenommen. Unglaublich wie erwachsen wir alle geworden sind, denkt man grade, als ganz zum Schluss dann doch die ersten Töne von Durch den Monsun erklingen und sich einen knappen Meter vor mir eine wilde Rangelei zwischen mehreren Frauen entwickelt, dort wo Bill’s Handtuch gelandet ist. Im Rausgehen überlege ich mir im Sommer eins von Bill’s neuen Handtüchern zu kaufen, während sich der Refrain des eben gehörten What If? als Ohrwurm in meinen Kopf frisst.

Category: Special

Tags: bill kaulitz, Magdeburg Los Angeles, tokio hotel

Von: Paula Doenecke

Photographer: Miriam Freyer

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