“Zukunft ist gestern” – Tillmann Prüfer über den rückwärtsgewandten Status Quo der Mode

Sie wäre uns ob der ganzen Feiertage ja beinahe einfach so durchgerutscht, die Stilkolumne von Tillmann Prüfer, im ZEIT MAGAZIN Nr. 48, von Anfang Dezember. Das wäre natürlich ziemlich übel gewesen, beschreibt Freund Prüfer darin doch ziemlich genau den Status Quo der derzeitigen Modebranche oder zumindest den der großen, weltbekannten Modehäuser.

In der Stilkritik “Zukunft ist gestern” schreibt T-Bone Prüfer (und wir zitieren jetzt mal ausführlich, Chris Amend möge uns das verzeihen):

“Mode hatte einmal den Anspruch, avantgardistisch zu sein. Sie wollte eine Welt im Werden abbilden. Wer sich heute schon kleidete, wie morgen alle aussehen würden, sei modisch, so die Grundannahme. Modische Kleidung musste nicht unbedingt als schön empfunden werden – es konnte sogar von Vorteil sein, wenn sie als hässlich angesehen wurde. Denn Unverständnis von außen legte nahe, dass man dem Kreis der Eingeweihten und Wissenden angehörte. Wenngleich Mode ständig im Wandel ist, blieb diese Lesart lange erhalten. Nun verschiebt sie sich langsam.

Betrachtet man die Kollektionen des aktuellen Herbstes und auch des kommenden Sommers, ist von einem avantgardistischen Anspruch nicht viel zu spüren. Etliche Labels feiern abermals die siebziger Jahre – andere schöpfen aus ihrem Erbe, das heißt, sie bedienen Erwartungen, die Menschen ohnehin an den Look einer Marke haben, anstatt Neues zu schaffen. Offenbar will man den Frauen nicht mehr zeigen, wie sie aussehen könnten, sondern orientiert sich daran, wie sie sich selbst gerne präsentieren. Sehr deutlich macht das Louis Vuitton, wo Nicolas Ghesquière zahlreiche Jeans-Looks vorführen ließ. Auch Hedi Slimane hat die Marke Saint Laurent nicht mit neuen Visionen ausgestattet, sondern mit tragbaren, jungen Looks, die kommerziell sehr erfolgreich sind. Das hat Christopher Bailey bereits bei Burberry vorgemacht, indem er sich von Kollektion zu Kollektion immer wieder dem Trenchcoat – dem Ursprungsthema der Marke – zuwandte. Weder die Frau noch der Mann verorteten sich im Trenchcoat stilistisch in der Zukunft. Aber man fühlte sich wohl und sicher in dem Kleidungsstück.”

Daraus schließt Tillmann Prüfer, dass die Mode mehr und mehr ihre Deutungsmacht verliert. Sie weise nicht mehr nach vorn, zeige nicht, was morgen ist.

Das kann man verheerend finden. Oder wie wir sagen würden: sauscheisse.

Category: News

Von: Carl Jakob Haupt

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